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SWR4 Abendgedanken

28JUN2022
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„Bei uns zu Hause ging es an Ostern eigentlich immer darum, wie Jesus gelitten hat.“ Eine Freundin hat mir vor ein paar Tagen bei einem wunderbaren Waldspaziergang von ihrer Kirche zu Hause erzählt. Sie ist Spanierin und in ihren Kindheitserinnerungen spielen vor allem die Prozessionen, die den Leidensweg Jesu darstellen, eine große Rolle. Daraufhin habe ich ihr erzählt, dass ich mich eigentlich vor allem daran erinnere, dass es an Ostern um die Auferstehung geht. Wichtig war doch vor allem immer: Jesus ist auferstanden!

Mich hat dieses Gespräch noch länger beschäftigt. Warum haben wir das so unterschiedlich kennengelernt?

Ich weiß von der katholischen Kirche in Spanien nicht viel. Ich kann nur spekulieren: Steht das Leiden Jesu dort vor allem dafür, dass wir uns sicher sein können, dass Gott unsere Sünden vergibt? Dass Jesus uns freigekauft hat? Und je größer das Leid, desto eindeutiger ist es, dass Gott uns ganz wirklich und in echt vergeben hat? – Das wäre für mich ein sehr fremder Gedanke. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott ein „Opfer“ braucht, um uns vergeben zu können, um uns vergeben zu wollen. Für mich ist Gott Liebe. Liebe braucht keine Gegenleistung.

Vielleicht ist für manche Christen aber das Leiden Jesu auch aus einem ganz anderen Grund so wichtig: Wenn wir uns in Jesu Leiden hineinversetzen, dann kommen wir ihm ganz nah. Jesus weiß, wie sich Leiden anfühlt und wie es uns geht. Er kann mit uns und wir können mit ihm mitleiden. Ich kann nachvollziehen, dass in dieser Nähe ein großer Trost steckt: Gott will bei den Menschen sein. Er kennt unser Leid. Gott ist nicht irgendein Gott fern im Himmel, sondern unser Gott, hier bei uns, mitten in unserem Leben.

Und diesen Gedanken, den brauche ich tatsächlich, um auch die Auferstehung feiern zu können: Aus allem Leid heraus, durch den Tod hindurch, nimmt Gott Jesus zu sich. Das ist kein Geschehen, dass fern von mir stattgefunden hat. Nein: Gott ist hier bei uns, mitten in unserem Leben. Und auch ich darf auf Rettung, Trost und Leben hoffen. Ich kann mitleiden. Und mit auferstehen. Im Leben und im Sterben gilt: Die Dunkelheit wird überwunden. Es gibt Hoffnung, sogar über den Tod hinaus.

Ob das so gemeint ist bei den Prozessionen in Spanien? Ich muss meine Freundin einmal fragen. Beim nächsten Waldspaziergang. Und ob sie so wohl auch mit der Auferstehung etwas anfangen kann? Ich bin gespannt…

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