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SWR4 Abendgedanken

27JUN2022
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Es passierte in den ersten Tagen des Krieges in der Ukraine. Meine Stimmung war gedrückt. Die Welt kam mir feindlich vor. Ich hatte Angst. Eigentlich wollte ich nur schnell Brot kaufen gehen. Da sehe ich, dass in der Eingangstür der Sparkasse eine ältere Frau liegt. Auf dem kalten Boden. Und die Schiebetür, die ging immer auf und zu und schlug gegen ihre Schulter. Sie musste gefallen sein. Ich bin gleich hingegangen, eine andere Dame hat sich geistesgegenwärtig in die Lichtschranke gestellt. So blieb immerhin die Tür offen. Die Frau auf dem Boden hat gestöhnte, sie hat auf ihren Körper gezeigt und gejammert. Und sie hat dann in kaum verständlichem Deutsch erklärt, dass sie aus dem Iran sei. „Kein Deutsch. Kein Deutsch.“, hat sie immer wieder gesagt. Aufstehen konnte sie nicht. Wenn sie sich bewegt hat, hatte sie starke Schmerzen.

Wir haben den Krankenwagen angerufen. Immer mehr Menschen sind dazu gekommen. Der eine hat sich vorne an die Straße gestellt, damit der Krankenwagen uns auch finden würde. Die andere ist zum nahe gelegenen Kinderhaus gerannt und hat eine Decke geholt. Es war kalt an dem Tag. Jemand anderes hat uns seine Jacke gegeben, die wir der Frau zusätzlich über die Beine gelegt haben.

Und sie hat gejammert und gejammert. Irgendwann habe ich mich zu ihr hingekniet. Ich habe versucht, ruhig mit ihr zu reden. Ihr zu sagen, dass sie keine Angst haben muss, dass wir sie nicht allein lassen. Ich weiß nicht, wie viel sie verstanden hat. Aber sie hat meine Hand genommen und sie ganz fest gedrückt. Und sie nicht mehr los gelassen.

Mich hat der Händedruck dieser alten Frau sehr berührt. Sie hat damit so viel gesagt. Und ich habe so viel verstanden. Ganz ohne Worte. Wir alle haben die gleichen Gefühle, hat dieser Händedruck mir gesagt. Wir alle spüren Angst, wir alle spüren Trost, Hoffnung, Dankbarkeit. Wir alle sind Menschen.

Dann kam der Krankenwagen. Die Sanitäter waren ganz wundervoll. Die vielen Helferinnen und Helfer drumherum wurden nicht mehr gebraucht.

Auf dem Rückweg nach Hause, ein noch warmes Brot unter dem Arm, musste ich in mich hinein lächeln: Es gibt so viele so wundervolle Menschen. So viele haben sich bemüht, einer fremden Frau beizustehen. Ja, in der Ukraine ist Krieg. Es kann nicht plötzlich alles wieder gut sein. Friede, Freude, Eierkuchen – das geht nicht. Aber trotzdem: Ich hatte wieder neuen Mut. Zumindest für diesen Tag. Und auch noch den nächsten. Wir alle sind Menschen, haben die gleichen Gefühle, Träume und Hoffnungen. Wir alle sind Gottes Kinder.

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