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SWR3 Gedanken

26JUN2022
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Früh am Morgen gehe ich mit dem Hund joggen. Normalerweise höre ich dabei einen Podcast mit Kopfhörer. Aber heute bleibt das Handy Zuhause. Der Akku ist leer.

Ich nehme die Strecke mit dem steilen Anstieg. Dahinter öffnet sich die Landschaft und ich sehe weit über Freiburg. Es ist schön da draußen so früh. Die Sonne scheint, Vögel zwitschern und von irgendwo her höre ich eine Melodie.
Ein ganzes Stück weit weg sehe ich eine Frau alleine über einen Feldweg gehen. In der Hand hält sie ein Buch. Sie hält es so vor sich, als ob sie im Gehen darin liest. Als sie den Hund sieht, weicht sie auf die Wiese aus. Unsere Wege kreuzen sich nicht. Trotzdem kann ich hören, dass sie singt. Nicht besonders laut. Eher so, als würde sie ausprobieren, ob sie das Lied noch kann.

Schließlich hole ich sie doch noch ein. Und sehe, dass sie ein Liederbuch in der Hand hält, aus dem sie singt. Volkslieder und so was. Manche kenne ich auch.
Ich strahle sie an: „Wie schön, dass Sie den Sonntag mit Singen beginnen. Klingt gut!“ Sie lächelt zurück, nickt mir freundlich zu und singt einfach weiter. Ich überhole sie. Im Takt ihres Lieds. In mir klingt das Lied weiter. Den ganzen Weg bis nach Hause. Endlich fällt mir auch der Text ein:
Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt, dem will er seine Wunder weisen in Berg und Wald und Strom und Feld.
Und mir hat Gott heute zu Berg und Wald auch noch diese singende Frau geschickt. Ein Sonntagswunder.

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