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SWR2 Wort zum Tag

29JUN2022
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Heute ist Neumond und der Junimond hat sich verabschiedet. Bye bye Junimond. Nach einem grandiosen Supermond am 14. Juni, der besonders hell und groß gestrahlt hat, bleibt der Himmel heute ohne Mond. Jedenfalls ist er nicht zu sehen. Bye bye Junimond. So heißt übrigens auch eines der bekanntesten Lieder von Rio Reiser, mehrfach gecovert von Künstlern wie den Prinzen oder Herbert Grönermeyer.

Bye bye Junimond ist wohl auch deshalb so oft kopiert worden, weil es eine merkwürdig innige Verbindung von Liebeskummer und Mondnächten gibt, die viele Menschen kennen und die förmlich danach schreit, künstlerisch verarbeitet zu werden. Mir fällt da etwa die Mondscheinsonate ein – auch wenn Beethoven diesen Titel nicht selbst gewählt hat. Unglücklich Verliebte kennen das Gefühl, eben noch im strahlenden Mondlicht zu baden, um kurz darauf in der Dunkelheit zu sitzen und den eigenen Schmerz in die mondlose Nacht heulen zu wollen. Bye bye Junimond.

Im Lied erzählt der Verlassene allerdings, dass er den Liebeskummer überwunden hat. Er sitzt auf seiner Wolke und schaut auf seine Exfreundin herab. Jetzt tut der Schmerz nicht mehr weh, heißt es im Lied. Ich hab' getrunken, geraucht und gebetet. Hab′ dich flussauf- und flussabwärts gesucht. Doch jetzt tut's nicht mehr weh.

Ich finde es spannend, mit welchen Strategien der Liebeskranke mit seinem Kummer umgeht. Denn neben Trinken und Rauchen hat er: gebetet! Mit Sicherheit ist es die gesündere Alternative, aber neben diesem Aspekt ist es doch interessant, dass er – ganz selbstverständlich – Gott mit dem eigenen Liebeskummer behelligt. Der Schöpfer der Welt wird mit den persönlichen Herzensangelegenheiten beschäftigt. Das ist ganz biblisch, denn in der Bibel erzählt Jesus von einem Menschen, der mitten in der Nacht seinen Freund mit einem dringenden Anliegen bedrängt, ja ihm regelrecht lästig wird, bis der Freund endlich nachgibt. Gerade so sollt ihr beten, mit dieser Intensität und diesem Vertrauen. Meint Jesus. Und warum nicht auch darum beten, dass der geliebte Mensch sein Herz wieder öffnet. Oder eben der Liebeskummer nachlässt. Beides ist möglich.

Bye bye Junimond. Mag sein, aufgeklärten Theologen kommt das naiv vor. Doch zumindest Jesus hat nichts gegen naive Gebete gehabt. Gott so vertrauensvoll angehen wie einen guten Freund, den man sogar mitten in der Nacht behelligen darf, wenn es darauf ankommt. Ich bin mir sicher, dass solche Gebete eine große Kraft haben bei der Bewältigung der großen und kleinen Krisen des Lebens. Und auch bei Liebeskummer helfen können. In mondhellen Nächten und auch bei Neumond, wenns zappenduster ist.

Bye bye Junimond.

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