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SWR2 Wort zum Tag

21JUN2022
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Es gibt Modemacherinnen und Designer, die ihre Kleidung so entwerfen, dass sie für alle passt. Für Menschen mit und ohne körperliche oder geistige Beeinträchtigung. Mode, die niemanden ausschließt.

Josefine Thom muss ihrer Schwester beim Anziehen helfen. Ihre Schwester ist kognitiv und körperlich behindert. Sie kann sich nicht selbst an- und ausziehen, sie braucht bei jedem Schritt jemanden, der hilft. Irgendwann ist Josefine klar geworden, dass es kaum coole Kleidungsstücke gibt, die den Bedürfnissen ihrer Schwester entsprechen. Der versteckte Reißverschluss sieht klasse aus, ist aber nicht leicht zu bedienen. Die Hosen sind immer zu kurz. Wenn Menschen im Rollstuhl sitzen, rutschen sie über die Knöchel.
Josefine hat daraufhin ein Modelabel gegründet und beauftragt Designerinnen und Designer mit „Mode für alle“. Da werden dann große Taschen aufgesetzt, in die Menschen mit einer Spastik greifen können. Oder Magnetverschlüsse verarbeitet, weil die leichter zu bedienen sind.

Jedes Kleidungsstück wird von Menschen getestet, die davon profitieren. Manchmal spricht Josefine Thom Menschen auf der Straße an und fragt, ob sie ihre Kreationen anprobieren und genau prüfen wollen, ob sie praktisch sind. Ihre Models werden inzwischen häufig angefragt von Modelabels, die Wert darauf legen, Menschen divers zu zeigen. Die Models werden dabei weder als Opfer noch als Heldinnen inszeniert. Sondern so, wie sie sind: Menschen, die coole Kleidung tragen wollen. Josefine ist es wichtig, Leute mit und ohne Behinderungen zusammen zu bringen, damit selbstverständlich Kleider für alle entstehen.

Josefine und allen anderen, die sich im Bereich inklusive Mode engagieren, geht es darum, dass beeinträchtigte Leute gesehen werden und selbstverständlich teilhaben können. Weil es für sie genau so leicht möglich sein muss, schöne und passende Kleidung zu finden und auswählen zu können, wie für Menschen, die nicht eingeschränkt sind.
Ich finde das klasse und hab sofort an meine Freundin mit Downsyndrom gedacht, die Hilfe bei Knöpfen braucht. Es zeigt mir aber auch, wie eingeschränkt mein Blick bisher war. Obwohl ich selbst Kleidung in großen Größen brauche und die Auswahl da auch sehr beschränkt ist, habe ich Menschen mit Behinderungen bis vor kurzem beim Thema Klamotten nicht bedacht. Ich bin sicher, ich schaue mir Kleider jetzt genauer an. Schließlich müssen wir Menschen alle die Möglichkeit haben, uns so zu kleiden, wie es zu uns passt.

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