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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

23JUN2022
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„Ich habe euch kein Frauengeschwätz geschrieben, sondern das Wort Gottes als ein Mitglied der christlichen Kirche“ Mit diesen Worten hat Argula von Grumbach ihren Brief an die Gelehrten der Universität Ingolstadt unterschrieben. Das war vor fast 500 Jahren. Argula von Grumbach war eine gelehrte Frau, eine Reformatorin und Mutter von vier Kindern.

Als Adlige hatte sie bereits als Kind Zugang zu Bildung. Schon als Zehnjährige besaß sie eine deutsche Ausgabe der Bibel, die Ihr Vater ihr vererbt hatte. Sie hat oft darin gelesen und kannte sich bestens darin aus. Und sie war begeistert von Martin Luther. Besonders von der Idee, dass alle Menschen die Bibel lesen sollten. Alle Menschen, also auch Frauen. Auch Frauen sollten selbst denken und forschen und nicht nur den Auslegungen der Priester folgen. Davon war sie überzeugt.

Das haben die meisten Gelehrten damals aber anders gesehen. So kam es, dass Argula von Grumbach im Sommer 1523 zur Feder gegriffen hat und einen Brief an die gelehrten Männer der Universität schrieb. Sie forderte die Gelehrten zum Streitgespräch heraus. Und Sie schloss den Brief eben mit diesen Worten:
„Ich habe euch kein Frauengeschwätz geschrieben, sondern das Wort Gottes als ein Mitglied der christlichen Kirche.“

Die Professoren haben ihr nie geantwortet. Trotzdem wurde Ihre Streitschrift gedruckt und veröffentlicht. Und innerhalb von zwei Monaten bekam sie 13 Auflagen. So weit verbreitet waren damals nur die Schriften von Martin Luther. Es hätte also eine Erfolgsgeschichte werden können. Aber für die Adelstochter wurde es zur Zerreißprobe. Denn Argula war mit dem gläubigen Katholiken Friedrich von Grumbach verheiratet. Bis zu seinem Tod widersprach er ihren Ansichten.

Trotzdem ist Argula von Grumbach standhaft geblieben, auch wenn das für sie mit Leid und Ablehnung verbunden war. Für mich ist sie deshalb auch heute noch ein Vorbild. Denn bis heute sind engagierte Menschen, die über ihren Glauben sprechen und streiten, der Motor eines lebendigen christlichen Glaubens. Und die braucht es heute genauso wie vor 500 Jahren.

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