Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

20JUN2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Gönne dir dich selbst!“ – Vor kurzem habe ich diese Worte auf einer Karte gelesen und war sofort davon angesprochen. Als wären sie direkt an mich gerichtet.

Dabei ist das Zitat schon ziemlich alt. Vor etwa 900 Jahren hat Bernhard von Clairvaux, ein Mönch und Mystiker, diese Aufforderung an den damaligen Papst geschrieben, der sein Ordensbruder und ein Freund war.

Der Papst war wohl ein richtiger Workaholic mit unzähligen Terminen und Aufgaben. Einer, der überall mit angepackt hat, wo es nötig war. So viel Engagement – das ist bewundernswert, schreibt Bernhard von Clairvaux. Aber er weiß: So viel von sich geben, das geht nur eine Zeit lang gut. Irgendwann kommt der Punkt, da kippt es. Da kann man nicht mehr.

Deshalb warnt er den Papst und schreibt: Wem nützt es, wenn du alle gewinnst, aber dich selbst verlierst? Niemandem. Deshalb: Sei so, wie du für alle anderen da bist, auch für dich selbst da. Gönne dir dich selbst!

Das ist klug, finde ich. Aber gar nicht so einfach. Wenn ich einen besonders langen Tag hatte, gönne ich mir abends schon mal etwas, ein Glas Wein oder ein Stück Schokolade. Aber mich mir selbst gönnen, das ist schwer. Es bedeutet: Ich gestehe mir selbst das zu, was ich brauche, was mir guttut. So, wie ich sonst für andere da bin, ihnen zuhöre, mich kümmere und meine Zeit verschenke – so bin ich auch mal für mich da.

Ich nehme mir Zeit für mich, höre in mich hinein: Wie fühle ich mich gerade? Und was brauche ich, damit es mir gut geht? Und dann gönne ich mir das: Ein ausgedehnter Waldspaziergang, tanzen zu meiner Lieblingsmusik, ein freier Nachmittag. Und zwar: Ohne schlechtes Gewissen. Sich etwas zu gönnen heißt, es sich mit Freude zugestehen.

Das geht natürlich nicht ständig. Anstehenden Termine und Aufgaben müssen ja erledigt werden, heute – genau wie vor 900 Jahren. Deshalb hat Bernhard von Clairvaux hat in seinem Brief an den Papst geschrieben: „Ich sage nicht: Tu das immer. Aber ich sage: Tu es immer mal wieder.“

Das nehme ich mir auch vor. Die Karte mit dem Zitat habe ich mir deshalb mitgenommen. Als Erinnerung daran, mich mir selbst zu gönnen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35604