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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

10JUN2022
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Diesen Sommer wird wieder viel geheiratet. Standesamtlich – und auch in der Kirche.
Wenn ich als Pfarrer mit Hochzeitspaaren den gemeinsamen Traugottesdienst plane, dann nehmen wir uns auch viel Zeit, um die Rituale zu besprechen, die zum Gottesdienst gehören. Da ist nämlich längst nicht alles festgelegt. Die Paare haben Gestaltungsspielraum, immer mit der Frage: Was ist uns wichtig – und was ist dafür hilfreich?

Eins dieser Rituale ist der Einzug zu Beginn des Gottesdienstes. Viele Paare wünschen sich da, dass die Braut von ihrem Vater nach vorne geführt wird, wo ihr Mann sie in Empfang nimmt.

Diese Tradition stammt noch aus der Zeit, als eine Frau bei der Trauung tatsächlich vom Vater an den Ehemann übergeben wurde. Damals konnte eine Frau nicht für sich entscheiden. Der Vater hat das getan, und nach der Hochzeit der Ehemann. Bei heutigen Hochzeiten trifft das – Gott sei Dank – nicht mehr zu bei uns.

Ich persönlich kann deshalb nicht so viel anfangen mit dieser Art des Einzugs. Und das sage und begründe ich den Hochzeitspaaren auch. Mir ist es wichtig, über die Hintergründe eines Rituals Bescheid zu wissen. Über das, was automatisch mitschwingt, ob man will oder nicht.

Im Gespräch mit den Paaren zeigt sich dann aber oft: Sie wollen mit dem Ritual etwas ganz anderes zeigen. Nämlich Dankbarkeit gegenüber der Familie – und einen neuen Lebensabschnitt, der jetzt beginnt. Das steht für sie im Vordergrund – und nicht etwa ein Frauenbild aus vergangenen Zeiten. Meistens ist es auch vor allem die Braut selbst, die diese Art des Einzugs wünscht – und dabei also gerade keine passive Rolle einnimmt.

Aus dieser Perspektive ergibt das Ritual der zum Altar geführten Braut dann doch wieder Sinn. Und oft finden wir Möglichkeiten, es noch umzugestalten. Damit auch wirklich die positive Bedeutung im Vordergrund steht. Zum Beispiel kann ja zu Beginn auch der Bräutigam mit einem Familienmitglied einziehen. Dann hat auch der einen richtigen Auftritt – und kann seine persönliche Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Oder die Übergabe findet in der Mitte der Kirche statt – und das Paar geht die zweite Hälfte des Wegs gemeinsam. Weil es in der Ehe ja genau darum geht.

Ein altes Ritual – nicht nur blind übernommen, sondern neu gedeutet, bewusst umgestaltet und hilfreich fürs Leben. In Traugottesdiensten passiert das immer wieder. Und dann ist gemeinsam etwas gelungen.

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