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SWR2 Zum Feiertag

06JUN2022
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Pfingsten gilt als das unzugänglichste Fest im christlichen Festkalender. Straßenumfragen zeigen jedes Jahr wieder aufs Neue eine große Ratlosigkeit in den Gesichtern der Befragten. Pfingsten? Fehlanzeige. Was mich als Religionslehrerin verzweifeln lässt - schließlich habe ich die Geschichte von der Ausgießung des Heiligen Geistes in jeder Grundschulklasse erzählt - macht mir andererseits auch Hoffnung. Denn ich bin der Meinung, dass in dieser Unzugänglichkeit auch eine Chance liegen könnte. Ja, ich glaube, Pfingsten könnte ein sehr modernes, ein zeitgemäßes Fest sein. Davon möchte ich Ihnen zum Feiertag heute gern erzählen.

Zunächst ganz persönlich: Ich mag das Pfingstfest. Kein Mensch erwartet von mir, besucht oder beschenkt zu werden; viele nutzen die Zeit ohnehin, um in die weite Welt zu reisen. Auch im Reisen liegt nach Joseph von Eichendorff eine göttliche Gunst, und so gönne ich jedermann und jederfrau, die an Pfingsten das Weite sucht oder die Weite, ihr Glück. Für die Kein Brauchtum schreibt den Daheimgebliebenen vor, die heimischen Räumlichkeiten aufwändig zu dekorieren, und es gibt auch keine saisonalen Schokoladenprodukte. Der sprichwörtliche Pfingstochse taucht weder in biblischen Berichten auf, noch taugt das Tier als Symbol für den Geist Gottes. Dazu ist es viel zu erdenschwer. Seinen Namen verdankt es dem schlichten Umstand, dass in entsprechenden Gegenden der Almauftrieb für die Herden meistens in die Zeit zwischen Mitte Mai und Mitte Juni fällt, also rund um Pfingsten liegt. Zur Feier ihrer wiedergewonnenen sommerlichen Freiheit werden die Tiere fein herausgeputzt und die Stalltieren zu prächtige Pfingstochsen ausstaffiert. Der Ausdruck „Du siehst aus wie ein Pfingstochse“ ist dagegen nicht als Kompliment gemeint, sondern gibt zu verstehen, dass es da jemand mit Schmuck und Schminke wohl übertrieben hat.    

Was hat es also auf sich mit diesem unscheinbaren Fest? Auch der Name verrät noch nicht allzu viel: In dem Wort Pfingsten steckt die griechische Zahl fünfzig – pentecoste. Es zählt schlicht die Tage, die seit Ostern vergangen sind. 50 Tage nach Ostern sind die Feste, die sich seit dem ersten Advent an der Biographie von Jesus orientiert haben, vorbei, und es beginnt im Kirchenjahr die lange Trinitatiszeit, die den ganzen Sommer über andauern wird, bis mit dem Erntedankfest im Oktober sich der Festkalender wieder Gott dem Schöpfer zuwendet.

Mit dem Bekenntnis zu einem Schöpfergott beginnt auch das christliche Glaubensbekenntnis: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“ Alle diese Aussagen sind heute für Gläubige wie für Skeptiker in die Kritik geraten. Hat ein Gott die Welt erschaffen?

Mit wissenschaftlichen Methoden lässt sich das nicht klären. Und selbst wer dem zustimmen mag, dass die Energie, die vor allem Anfang war, göttlichen Ursprungs ist, muss sich die Frage gefallen lassen, wie es mit der Allmacht dieses Gottes nach der Schöpfung bestellt ist. Wenn da tatsächlich ein allmächtiger Gott am Werk war, müsste der nicht häufiger sichtbar und spürbar ins Weltgeschehen eingreifen?

Statt die Welt all den teuflischen Kräften zu überlassen, die wir gerade an vielen Orten wieder aufleben sehen? Und wenn er nicht allmächtig ist, kann man ihn als Gott dann überhaupt noch ernst nehmen? Wer sich erst mal hineingesetzt hat, kommt man aus diesem Fragenkarussell nur schwer wieder heraus.

Auch die Vorstellung von Gott als Vater ist in die Kritik geraten wie alle väterliche Autorität früher oder später infrage gestellt wird von Söhnen und Töchtern. Nur durch Emanzipationsprozesse werden wir schließlich erwachsen. Und was passiert, wenn auch der Kinderglaube erwachsen werden will? Nicht nur Konfirmandinnen und Konfirmanden beißen sich daran die Zähne aus. Genauso wie an der einseitig männlichen Rede von Gott. Und obwohl die feministische Theologie dem biblischen Gott auch weibliche Züge nachweisen konnte, bleibt die Rede von ihm in menschlichen Bildern immer der Frage ausgesetzt, inwieweit wir uns Gott nach unserem Bilde zurechtrücken.

Unverdächtiger und leichter scheint mir da die Vorstellung, dass Gott Geist ist, nicht in einem intellektuellen Sinn, sondern ganz elementar, unsichtbar, nicht zu fassen, erst einmal jedem Bild entzogen. Womit wir wieder bei Pfingsten wären, dem Fest, von dem ich hoffe, dass es uns vielleicht einen neuen, überraschenden Zugang zu Gott schaffen könnte.

Die biblischen Schriften, auf die wir uns als Christen berufen, wenn wir von Gott reden, kennen nur zwei Definitionen von Gott. Das ist erstaunlich, wenn man den großen Umfang dieses Werkes bedenkt. Nicht ganz so überraschend, wenn man sich klar macht, dass der Charakter der in der Bibel gesammelten Schriften nicht philosophischer Art ist. Da wird stattdessen viel erzählt. Erzählt von dem, wie Menschen Gott erfahren haben. Nur zwei Sätze legen sich fest. Sie finden sich in den Johanneischen Schiften des Neuen Testaments. Der eine behauptet: Gott ist die Liebe. Der andere sagt: Gott ist Geist.  

Das hebräische Wort für Geist, ruach, und auch das griechische, pneuma, bedeuten zugleich Wind, Luft, Atem. Entsprechend kündigt in der biblischen Pfingsterzählung ein Brausen wie von einem gewaltigen Wind das Kommen des Heiligen Geistes an. Wenn ich die Augen schließe, versetzt mich diese Vorstellung jedes Mal ans Meer. Dort ist immer Wind zu spüren. Ein herrliches Gefühl! „Ich geh mich mal auslüften“, sagt meine Freundin, wenn sie mit ihren Gedanken nicht weiterkommt. Sie weiß, dass ein Spaziergang an der frischen Luft ihr hilft, auf neue, inspirierende Gedanken zu kommen. Und so ist es auch mit dem Heiligen Geist. Er bringt eine große Dynamik mit, er setzt in Bewegung, wirbelt durcheinander, bläst frischen Wind in Köpfe und Räume

Es gibt ein Lied, das die Bitte um das Kommen dieses Geistes umkehrt. Statt „O Heilger Geist, kehr bei uns“ singt es: „O, Heilger Geist, kehr bei uns aus!“ Der Heilige Geist veranstaltet einen göttlichen Kehraus! Ich stelle mir einen Wirbelwind vor, eine Art Zauberbesen, der ganz viel Staub und Gerümpel hinwegfegt und Platz für Neues schafft. Ja, der vielleicht auch mal morsche Gebäude einstürzen lässt und uns auf das Wesentliche zurückwirft. Er ist das Gegenteil eines lauen Lüftchens. Er hat richtig viel Kraft.

Wenn die Bibel von diesem Geist Gottes redet, der an Pfingsten Menschen erfasst, dann meint sie immer auch den Geist, in dem Jesus zu Lebzeiten gehandelt hat. Als er Kranke geheilt hat, Menschen an Leib und Seele satt gemacht und sich ihnen unabhängig von ihrer Position in der Welt zugewendet hat. Selbstlos. Unprätentiös. Mit einer inneren Überzeugung und Stärke, die auch seine Gegner beeindruckt hat. Und die Bibel ist überzeugt davon, dass der Heilige Geist mehr ist als eine Geisteshaltung, mehr als eine freundliche Gesinnung. Er wird beschrieben als eine eigenständige Gotteskraft. So hat ihn Jesus jedenfalls angekündigt, als er sich kurz vor seinem Tod von seinen Anhängern verabschiedet hat.

Da hat er ihnen quasi als Ersatz für seine Gegenwart diesen Geist versprochen. Er nennt ihn einen Tröster, einen Helfer, einen Ratgeber. Das Gegenteil von Verzagtheit und Furcht, einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

Und wie um zu unterstreichen, dass dieser Geist wirklich von außen kommt, erzählt die Bibel von diesen 50 Tagen, die zwischen Ostern und Pfingsten vergehen. Da sind die Jüngerinnen und Jünger nämlich längst wieder zur Tagesordnung übergegangen. Sie bewältigen ihren Alltag mehr schlecht als recht und es ist alles wie immer. Als hätte es die Jahre mit Jesus gar nicht gegeben. Aber dann kommt der Pfingsttag. Und alles wird anders. Gottes Geist braust herein und plötzlich sind sie Feuer und Flamme und wie verwandelt. Sie können reden und überzeugen und sich verständigen.

Ich habe behauptet, dass Pfingsten ein modernes Fest sein könnte. Weil es sich nicht an Gottesbildern abarbeitet, sondern nach der Wirkung fragt, die Gottes Geist in der Welt zeigt. Es erzählt davon, was passiert, wenn dieser Geist Menschen beseelt. Es setzt auf Leidenschaft, auf Mut und Verständigung, es glaubt an Veränderung und Erneuerung.

Mir macht Pfingsten Mut, dass dieser Geist auch heute weht, und ich stelle mich gern in seinen Wind.     

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