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SWR2 Wort zum Tag

23JUN2022
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Immer wenn ich das Grab meiner Mutter besuche, streife ich noch ein wenig über den Friedhof. Mir fällt auf, dass in den Gräberreihen immer mehr Lücken entstehen und aufgelöste Gräber nicht neu genutzt werden. Das liegt sicher daran, dass Urnenbestattungen zunehmen und Urnengräber weniger Platz brauchen. Aber es gibt auch immer mehr Menschen, die überhaupt kein Grab wollen. Die Friedwälder oder anonyme Bestattungen bevorzugen. Das begegnet mir auch in vielen Gesprächen. Manche wollen ihre Nachkommen nicht mit der Grabpflege belasten, andere wollen einfach weg sein. Keine Spuren hinterlassen.

Mich wundert das, wo doch viele heutzutage ständig damit beschäftigt sind, sich selbst darzustellen.

Überall posten Menschen Bilder von sich, berichten wo sie sind und was sie machen. Inszenieren sich. Einerseits scheint es ein großes Bedürfnis zu geben wahrgenommen zu werden und sich zu zeigen - Gleichzeitig aber auch das Bedürfnis, nach dem Tod völlig zu verschwinden.

Früher war es vielen Menschen wichtig in einem prunkvollen Grab bestattet zu werden. Das sollte die eigene soziale Stellung und die Bedeutung des Verstorbenen unterstreichen und über den Tod hinaus bewahren. Heute scheint die eigene Bedeutung sehr in das diesseitige Leben verlagert zu sein. Das Jenseits verliert an Wichtigkeit, habe ich den Eindruck. Es ist weniger interessant, was nach meinem Tod passiert, sondern viel wichtiger, wie ich jetzt im Moment wirke und wie besonders mein Leben ist.

Das soll jeder machen wie er will, ich mische mich nicht in die Trauerkultur anderer Menschen ein.

Ich kann nur sagen, wie ich es selbst halte. Ich persönlich finde, Gedenken und Trauer sind nicht unbedingt die Sache des Verstorbenen, sondern die der Hinterbliebenen. Ja, ich möchte nicht verbrannt werden, das wünsche ich mir. Aber alles weitere habe ich nicht in der Hand. Ich hoffe aber, dass es, wenn ich gestorben bin, ein paar Menschen gibt, die mich gern hatten und die sich an mich erinnern wollen. Und dass sie dafür einen Ort gestalten, der etwas von mir in der Welt hält. Nicht weil ich mich für so wichtig halte und die Welt nicht ohne mich klarkäme, sondern weil ich selbst erfahren habe, dass der Tod immer schneller ist als wir. Und dass er, wenn er da ist, immer überraschend ist und uns immer jemanden entreißt. Egal ob wir an ein Jenseits glauben oder nicht. Der Tod eines geliebten Menschen stößt uns in eine neue Wirklichkeit. Ich finde, Gräber helfen dabei, uns an diese neue Wirklichkeit zu gewöhnen.

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