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SWR2 Wort zum Tag

18JUN2022
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“Marie. Anton. Richard. Theodor. Ida. Nordpol. Anton.” So hätte ich nach der bis vor kurzem gültigen Buchstabiertafel meinen Namen korrekt buchstabiert. Die Anfangsbuchstaben all dieser Namen ergeben zusammen meinen Vornamen: Martina. Da der aber in der Regel leicht verständlich und seine Schreibweise klar ist, habe ich ihn noch nicht oft buchstabieren müssen. Ich hätte mir aber auch nichts dabei gedacht. Denn ich habe nicht gewusst, dass ich damit unbewusst eine Nazitradition weitergetragen hätte.

Die Nationalsozialisten haben nämlich schon kurz nach ihrer Machtergreifung im April 1933 alle deutsch-jüdischen Vornamen aus der offiziellen Buchstabiertafel gestrichen. Bevor man die Menschen vernichtet hat, hat man schon einmal ihre Namen aus dem Gedächtnis ausgelöscht: Für D wie Dora verschwand David, der berühmte biblische König und Psalmendichter. J wie Julius ersetzte J wie Jakob, von dem es in der Bibel heißt, dass er mit Gott und Menschen gekämpft und gesiegt hat. Besonders perfide: N wie Nathan musste N wie Nordpol weichen. Da hat man den Namen gänzlich ausradiert und durch eine eiskalte Gegend ersetzt. Ich bin immer wieder erschüttert, mit welch grausamem Kalkül die Nazis ihre menschenverachtenden Lehren in alle Bereiche des Lebens gepflanzt haben. Noch schlimmer finde ich, dass es nach dem Ende ihrer Herrschaft noch über 80 Jahre gedauert hat, bis einer dem munteren Buchstabieren nach Nazi-Regeln den Kampf angesagt hat.

Michael Blume ist der baden-württembergische Antisemitismusbeauftragte. Und er war selbst ein bisschen überrascht, dass die zuständige deutsche Behörde auf seine Initiative sofort reagiert und gehandelt hat. Zunächst wurde die Buchstabiertafel wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Doch dort lauerten neue Tücken. Denn die Weimarer Tafel enthielt neben 19 männlichen gerade einmal fünf weibliche Vornamen. Und war damit kein brauchbarer Vorschlag für das 21. Jahrhundert. Trotzdem wurde sie zumindest symbolisch wiederhergestellt, um Unrecht sichtbar und in diesem Fall wieder gutzumachen. Daneben soll nun aber auch eine neue Buchstabiertafel etabliert werden, die mit geschlechtsneutralen Städtenamen operiert. Ob die dann allen Regeln der Kunst gerecht wird? Hören Sie selbst: Meinen Namen buchstabiere ich jetzt so:

München, Augsburg, Regensburg, Tübingen, Iserlohn, Nürnberg, Augsburg. Steinbrecher. Von der evangelischen Kirche in Karlsruhe

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