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SWR2 Wort zum Tag

17JUN2022
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Der heutige 17. Juni hat schon verschiedene Namen getragen: Als „Tag der deutschen Einheit“ war er von 1954 bis 1990 ein staatlicher Feiertag in der Bundesrepublik. Im Kalender der DDR wurde er dagegen als „Tag faschistischer Provokation“ geführt. Beiden Gedenktagen lag aber dasselbe Ereignis zugrunde: Am 17. Juni 1953 hatte sich aus einem Arbeiterstreik für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen in Ost-Berlin eine landesweite Erhebung gegen die SED-Diktatur entwickelt, die mit Hilfe der Sowjetarmee brutal niedergeschlagen wurde.

Im Westen hat man in diesen Aufständischen Helden gesehen, die für ihre Rechte und ihre Freiheit gekämpft haben. Nach westlicher Auffassung hatten sie damit auch die Fahne der Zusammengehörigkeit von Ost und West hochgehalten. Und so wurde der Tag im Westen zum Tag der deutschen Einheit.

In der DDR dagegen war es eine beliebte Methode, Kritiker als Faschisten zu titulieren und damit mundtot zu machen. Und so wurde im Osten aus dem 17. Juni der Tag faschistischer Provokation. Eine Warnung an alle, die womöglich auch aufmucken wollten.

Nie hätte ich gedacht, dass im Jahr 2022 ein russischer Präsident bei seiner Bevölkerung mit derselben Masche Erfolg haben würde wie das SED-Regime vor 69 Jahren: Putin behauptet, dass sein Angriff auf die Ukraine dem hehren Ziel dient, das Nachbarland von faschistischen Überbleibseln zu säubern. Und der Krieg darf auch gar nicht beim Namen genannt werden, sondern muss Spezialoperation heißen. Wer anderes behauptet, wird ausgeschaltet. Medial und real. Und es erschreckt mich, dass es wieder einmal funktioniert. Das haben mir jedenfalls russische Frauen berichtet, nachdem sie mit ihren Angehörigen zuhause telefoniert haben, die dort der russischen Propaganda ausgesetzt sind.

Oft muss ich deshalb in letzter Zeit an einen Rat aus der Bergpredigt denken. Da sagt Jesus: „Sagt einfach ›Ja‹, wenn ihr ›Ja‹ meint, und ›Nein‹, wenn ihr ›Nein‹ meint. Jedes weitere Wort kommt vom Bösen.“ Nach solcher Klarheit sehne ich mich. Und nach Menschen, die sich in solcher Rede üben. Die vertrauenswürdig sind und ihre Interessen offenlegen. Es braucht nicht noch einen Gedenktag für noch mehr Opfer verlogener Worte. Die Stunde der Wahrheit soll kommen. Und der Tag der Freiheit. Den will ich dann gerne feiern. Auch heute, am 17.Juni.

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