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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

02JUN2022
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Ein Satz beschäftigt mich. Ich habe ihn vor kurzem gehört. Er heißt: „Auch ein in den Dreck gefallener goldener Schlüssel ist ein goldener Schlüssel.“
Es stimmt. Ein goldener Schlüssel, der in den Dreck gefallenen ist, bleibt ein goldener Schlüssel. Er ist schmutzig und glänzt nicht mehr. Aber der Dreck, der ihn bedeckt ändert nichts an der Tatsache: er ist und bleibt golden.

Was ist damit gemeint? Dieses Bild vom in den Dreck gefallenen goldenen Schlüssel bedeutet für mich im übertragenen Sinn: Auch ein Mensch bleibt immer ein Mensch. Egal was passiert - diese Würde kann ihm nicht genommen werden. Auch wenn das Leben oder die Menschen ihm hart zusetzen oder er selbst einiges verbockt hat.

In keiner anderen Geschichte der Bibel wird das für mich so greifbar wie im Gleichnis vom barmherzigen Vater: Dieser Vater hat zwei Söhne. Der Jüngere lässt sich seinen Erbteil ausbezahlen und geht weg, um sein Glück in der Ferne zu suchen. Doch er verspielt das ganze Vermögen und landet buchstäblich in der Gosse. Am Tiefpunkt angelangt, fasst er sich ein Herz und entscheidet sich, nach Hause zurückzugehen.

Und sein Vater? Der geht ihm entgegen. Nimmt ihn in den Arm. Sagt nicht: Wasch dich erst einmal und zieh dir was Ordentliches an. Auch von Vorwürfen, wie: „Das hätte ich dir gleich sagen können oder Bedingungen, die an seine Rückkehr geknüpft sind, liest man nichts in der Geschichte.

Er nimmt ihn auf – so wie er ist – so wie er geworden ist. Und macht das für alle Anwesenden deutlich, indem er sogar ein Fest für ihn ausrichtet: Dieser ist und bleibt sein Sohn. Er ist in den Dreck gefallen, hat sich selbst durch den Dreck gezogen aber er ist und bleibt sein Sohn.

Die Haltung dieses Vaters berührt mich immer wieder aufs Neue. Er hält mir den Spiegel vor, wenn ich manchmal allzu schnell dabei bin, jemanden nach dem Äußeren zu beurteilen. Er lehrt mich, hinter die Fassade zu schauen, tiefer zu blicken, warum jemand wie geworden ist. Und er ermutigt mich, nie zu vergessen, dass jeder Mensch eine von Gott verliehene Würde hat und dass ER, Gott, mir in jedem Menschen entgegenkommt. Egal ob er strahlend daherkommt oder elend beieinander ist.

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