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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

31MAI2022
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Trotzkraft – das ist ein Wort, das ich in den Anfangszeiten von Corona zum ersten Mal gehört habe. Es hat mich irgendwie sofort angesprochen und mich neugierig gemacht, was damit gemeint sein könnte. Denn bis dahin kannte ich die beiden Teile des Wortes nur einzeln. Der Trotz und die Kraft. Gefunden habe ich das Wort „Trotzkraft“ bei der Autorin Christina Brudereck. Sie beschreibt, was Trotzkraft meint:

Leidenschaft für das Leben
Widerstandkraft
Auch dem Schlimmsten noch Gutes abgewinnen
Seelische Stabilität
Zähigkeit
Lebensstärke
Mich nicht als Opfer eines Schicksals verstehen
Unerschütterlichkeit
Mich nicht brechen lassen
An Träumen festhalten
Wege finden
Aufrichten nach dem Schlag*

Bei dieser letzten Beschreibung „Aufrichten nach einem Schlag“ war mir klar, was oder besser wen ich selbst mit Trotzkraft verbinde: meine Mutter.
Sie hat vor gut sechs Jahren aus heiterem Himmel der Schlag getroffen. Aus einer mobilen und höchst aktiven Frau wurde innerhalb weniger Stunden eine halbseitig gelähmte Patientin, der kein Arzt zugetraut hat, dass sie jemals wieder aus dem Rollstuhl und auf die Beine kommt. Aber sie hat gekämpft, hart trainiert und es geschafft, dass sie wieder am Rollator gehen und vom Rollstuhl aus Teile ihres Haushalts selbstständig bewältigen konnte.
Ich bewundere ihre Zähigkeit, aber mehr noch, dass sie dabei nie verbissen gewirkt hat oder gar verbittert geworden ist. Das Leben so zu nehmen, wie es ist, das Beste daraus machen und darauf vertrauen, dass immer irgendwo wieder ein Türle aufgeht. Das ist ihr Lebenscredo. Auch jetzt noch, wo sie nicht mehr zu Hause sein kann und in einem Pflegeheim lebt.

Ich bin ihr dankbar, dass sie etwas von ihrer „Trotzkraft“ an uns Kinder weitergegeben hat. Sie lebt uns unerschütterlich vor, was es heißt, Vertrauen ins Leben zu haben, bei allem, was dagegenspricht. Erst letzten Sonntag meinte sie als ich mich von ihr verbschiedet habe: „Dann lass uns mal tapfer in die neue Woche gehen. Wir lassen uns nicht unterkriegen, haben wir uns doch noch nie, oder?“

* gekürzt in veränderter Reihenfolge aus: Christina Brudereck, Trotzkraft

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35484