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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

30MAI2022
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Unser Garten scheint in diesem Frühjahr zu explodieren. Er strotzt vor Energie. Seit es Anfang Mai immer wieder geregnet hat und es warm geworden ist, blüht und treibt es an allen Ecken und Enden. Dem Gemüse und Salat im Hochbeet kann ich von Tag zu Tag beim Wachsen zuschauen. Das ist toll.

Besonders fasziniert mich allerdings dieses satte Grün überall – nicht nur im Garten – auch auf den Wiesen und in den Bäumen. Jedes Jahr kommt es mir wie ein Wunder vor, dass das, was bis vor ein paar Wochen noch kahl, dürr und wie abgestorben war nun voller Blätter und lebendigem Grün ist.

Dieses Grün tut mir gut. Jedes Jahr aufs Neue – aber in diesem Jahr empfinde ich es irgendwie stärker. Woran das liegt? Vielleicht weil dieses Grün in der Natur ohne Worte einen „Gegenpol“ setzt zu all den Nachrichten und Bildern aus Kriegs- und Krisengebieten, die mich - und nicht nur mich - beschäftigen und verfolgen. Nicht umsonst gilt Grün als Farbe der Hoffnung.

Dieses Grün ist etwas, das mich stärkt und mir Kraft gibt. Die heilige Hildegard von Bingen spricht von der Viriditas, der Grünkraft. Diese Grünkraft bezeichnet eine Grundkraft der gesamten Natur. Etwas, das Pflanzen, Tieren und Menschen innewohnt. Diese Grünkraft ist eine schöpferische Kraft. Sie bringt Leben zur Entfaltung. Schon vom Wort her leitet sich grün vom mittelhochdeutschen gruoen ab, was so viel meint wie wachsen, sprießen, gedeihen.

Für mich hat diese Grünkraft eine heilsame und belebende Wirkung. Wenn ich morgens barfuß durchs noch feuchte Gras laufe, fühle ich mich lebendig. Nirgendwo bekomme ich den Kopf so gut wieder frei, wie wenn ich im Wald bei uns um die Ecke spazieren gehe oder wenn ich im Garten so recht mit Erde werkle und Blumen oder Kräuter pflanze.

Diese Heilkraft der Natur ist für mich etwas Wunderbares. Und sie ist völlig umsonst – einfach ein Geschenk des Schöpfers. Ich muss nur meine Augen öffnen, riechen, schmecken, lauschen.

Hildegard von Bingen ermuntert uns in die Natur zu gehen und diese Grünkraft einzusaugen. Gerne will ich heute ihren Rat befolgen und ihn weitergeben:
„Es soll der Mensch hinausgehen auf eine grüne Wiese und sie solange anschauen, bis seine Augen wie vom Weinen nass werden: Das Grün der Wiese nämlich beseitigt das Trübe in den Augen und macht sie wieder sauber und klar.“

zitiert nach Ingrid Riedel, Hildegard von Bingen: Prophetin der kosmischen Weisheit, Stuttgart 1994, S.14

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