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SWR4 Abendgedanken

27MAI2022
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Wir hatten eine wunderschöne Katze. Mit rotem, flauschigem Fell. Sie ist bei uns eingezogen als sie gerade erst ein paar Wochen alt war und hat mit uns Haus und Garten bewohnt. Irgendwann aber ist sie immer seltener nachhause gekommen. Freunde am anderen Ende des Dorfes haben uns regelmäßig angerufen und informiert, dass sie unsere Katze gesehen hätten, weit weg von zuhause. Immer wieder sind wir dann mit dem Katzenkorb ausgerückt, haben sie eingefangen und wieder nach Hause gebracht. Es ging nicht lange gut, meist nur ein paar Tage, dann war sie wieder weg.

Ein Jahr später waren auch wir weg. Unsere Familie hatte sich getrennt, Haus und Garten haben wir zurückgelassen. Und die Katze ließen wir ihrer Wege gehen.

Das alles liegt fast zehn Jahre zurück. Aus der Ursprungsfamilie sind zwei neue Patchwork-Familien entstanden, wir alle haben an neuen Orten ein Zuhause gefunden. Und jetzt, vor einigen Wochen, steht plötzlich eine schöne rote, flauschige Katze in unserem Garten. Nein, es ist nicht unser alter Kater. Es ist eine wunderschöne Katzendame. Noch wissen wir nicht genau, wohin sie gehört. Doch sie besucht uns mittlerweile jeden Tag und sucht sich ihre Schlafplätze; immer in unserer Nähe: auf meinem Schreibtisch, in einer Kiste im Wohnzimmer oder auf dem warmen Badfußboden. Jedes Mal, wenn ich zur Türe gehe und die Katze nach ihrem Schläfchen wieder hinauslasse, mischen sich Wehmut und Hoffnung: Kommt sie wieder? Fühlt sie sich wohl bei uns? Auch wenn ich weiß, sie ist wahrscheinlich nur eine Besuchskatze auf Zeit.

Mittlerweile und im Rückblick denke ich, unser alter Kater hat es damals vor uns gespürt. Er hat gemerkt, dass Veränderung in der Luft lag; dass er bei uns kein dauerhaftes Zuhause haben wird. Und deshalb ist er gegangen.

Die neue rote Katzendame ist zu einer Art Seismograf für mich geworden. Ein Gradmesser also der anzeigt: Wie gut ist es eigentlich bei uns zuhause? Sie erinnert mich jeden Tag daran, dass ich genügend aufpasse, wie es allen geht, die hier ein und aus gehen. Dazu gehört für mich, dass wir offen und ehrlich miteinander reden, auch wenn das manchmal weh tut. Dass ich gleichzeitig aber auch erkenne, wann es Zeit ist, zu schweigen, nicht mehr nachzubohren und jedem seinen Raum lasse, sich zurückzuziehen. Das Wichtigste aber ist: Ich will mich aufrichtig freuen über jeden Einzelnen in meiner Familie und ihn oder sie das auch spüren lassen; unabhängig von der 5 in Französisch oder der wieder einmal nicht ausgeräumten Fußballtasche mitten im Wohnzimmer. Ich glaube es ist dann gut, wenn alle jederzeit nachhause zurückkommen können. Nicht nur die rote Katze.

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