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SWR4 Abendgedanken

25MAI2022
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Seit einigen Monaten kümmere ich mich um den ehemaligen Pfarrer meiner Heimatgemeinde. Ich kenne ihn schon sehr lange, er hat unsere Kinder getauft und uns viele Jahre begleitet. Mittlerweile ist er fast 90 Jahre alt. Er ist gebrechlich, hört schlecht und hat so Manches vergessen. Das ist nun mal so in diesem Alter. Was allerdings seine Beerdigung angeht, weiß er ganz genau was er will. Sein Grab hat er bereits reservieren lassen, in welcher Kirche das Requiem gefeiert wird, und an welchem Ort der Leichenschmaus stattfinden soll, steht fest. Auch wer in der Kirche die Orgel spielen soll, hat er notiert. Das Wichtigste aber ist für ihn etwas ganz Anderes. Jedes Mal, wenn ich bei ihm bin, wiederholt er diesen Wunsch: „Ich möchte nicht von einem Priester beerdigt werden. Ich möchte, dass eine Frau die Trauerfeier leitet. Weil die Frauen das so gut machen.“

Das macht seinen Wunsch und seinen letzten Willen so besonders: Der Mann ist eben kein gewöhnlicher Katholik, er ist selbst Priester. Und das seit über 60 Jahren. Er ist damals Priester geworden, um in der katholischen Kirche etwas zu verändern. Zeit seines Lebens hat er sich deshalb dafür eingesetzt, dass Frauen Priesterinnen werden dürfen und dass die Pflicht zum Zölibat abgeschafft wird. Er hat gegen kirchliche Sanktionen gepredigt und wer zu ihm kam, hat immer am Abendmahl teilnehmen dürfen, egal ob er evangelisch war oder zum zweiten Mal verheiratet. Seine Maxime war: Das eigene Gewissen zählt und nicht starre Vorschriften. Er hat sein Leben lang gestritten, Protestbriefe geschrieben und sich mit Bischöfen angelegt.

Gleichzeitig hat er in seiner eigenen Gemeinde schon sehr bald dafür gesorgt, dass es anders läuft: Frauen waren für ihn weit mehr als Kuchenbäckerinnen oder Köchinnen beim Gemeindefest. Schon vor vielen Jahrzehnten sind sie in seiner Kirche am Altar gestanden und haben Wortgottesdienste geleitet und gepredigt. Frauen im Altarraum haben deshalb mein Bild von Kirche geprägt. Ihn selbst habe ich oft erlebt, wie er als ganz gewöhnliches Gemeindemitglied am Sonntag in der Kirchenbank gesessen ist. Und begeistert war, mit wieviel „Herzblut und Kompetenz“ Frauen Gottesdienst feiern, so hat er es formuliert.

Sein letzter Wunsch und Wille ist deshalb jetzt logisch und konsequent. Aber er ist noch mehr: Es ist entscheidend, dass solche Konsequenzen aus den eigenen Reihen der katholischen Kirche kommen, denn nur so ist es überhaupt möglich, ein Zeichen zu setzen. Denn nur dann kann die Männer-Kirche aufgebrochen werden.

„Ich möchte, dass eine Frau mich beerdigt.“ Auch wenn ich den Priester schon lange kenne und mir seine Gedanken vertraut sind, hat mich dieser letzte Wunsch sehr berührt, als Frau und als Katholikin. Ich habe ihm versprochen, dass es genau so kommen wird.

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