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Anstöße sonn- und feiertags

26MAI2022
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Dass ein Kind mehrere Väter hat, ist heute keine Besonderheit mehr. In meinem Umfeld gibt es einige Patchworkfamilien, in denen das so funktioniert. Und meine schwulen Freunde haben seit ihrer Eheschließung bereits das zweite Kind adoptiert.

Dass auch Jesus mit zwei Vätern aufgewachsen ist, ist weniger bekannt, obwohl es die Bibel ja genauso erzählt: Er war der Erstgeborene einer größeren Geschwisterschar. Der Vater der Familie hieß Josef und hatte die Schreinerei in Nazareth. Als Jesus zwölf war, kam heraus, dass er noch einen zweiten Vater hatte. Da durfte er nämlich zum ersten Mal mit seinen Eltern eine Reise nach Jerusalem machen und hat sich in der unbekannten Stadt gleich mal selbständig gemacht.  Als seine Eltern ihn nach langer Suche endlich wiedergefunden hatten, saß er im Tempel Gottes und hat mit erwachsenen Schriftgelehrten diskutiert, ganz offensichtlich auf Augenhöhe. Auf die typische Elternfrage, was er sich eigentlich dabei gedacht habe, hat er bloß gesagt: „Wisst ihr nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?“  Nein, das hatten sie nicht gewusst. Und noch viel weniger haben sie es begriffen. Von da an klaffte jedenfalls ein Riss in der Eltern-Kind-Beziehung. Mit Anfang 30 hat Jesus sich schließlich ganz von seiner Familie gelöst und angefangen, mit einigen Gleichgesinnten durchs Land zu ziehen. Von nun hat er sich Menschensohn genannt und Gott seinen Vater. Weil er wusste: Da stamme ich her. Gott ist mein wahres Elternhaus. Beim Beten hat er sogar „Abba“ zu ihm gesagt, was so viel heißt wie Papa. Die einen fanden das respektlos, die andern waren begeistert.

Am Ende seines Weges hatte Jesus sich Feinde gemacht. Und die haben ihn aus dem Weg geräumt und hinrichten lassen. Da war sein Vater Josef schon gestorben. Den anderen Vater, den himmlischen, hat Jesus am Kreuz angeschrien, warum auch der ihn nun verlassen habe. Eine Antwort hat er nicht bekommen. 

Aber drei Tage später wurde es Ostern und seine Jünger haben gespürt, dass Jesus wieder da ist und sie haben Gott gedankt, dass er ihn vom Tod befreit hat. Und dann kam der Tag seiner Himmelfahrt: Jesus ist heimgekehrt zu seinem Vater im Himmel. Eine Wolke hat ihn mitgenommen und seither ward er nicht mehr gesehen. Aber sein Geist ist in der Welt. Seine Botschaft, dass jeder Mensch mindestens zwei Väter hat: vielleicht einen oder zwei oder noch mehr auf der Erde - aber ganz bestimmt auch einen im Himmel.

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