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SWR2 Wort zum Tag

21MAI2022
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Die folgende Geschichte passt gut in unsere Zeit, finde ich. Obwohl sie uralt ist. Sie erzählt von Abu Said, einem berühmten persischen Mystiker des 11. Jahrhunderts. Der war überall als begnadeter Redner bekannt und beliebt.

Wo immer er hinkam, drängten sich die Menschen, um ihn zu sehen und zu hören. Wieder einmal geschah es, dass die Menschen in Erwartung seiner Predigt in einer Stadt zusammenströmten, so dass kein Platz mehr blieb in dem Gotteshaus.

Der zuständige Platzanweiser versuchte Ordnung in das Durcheinander zu bringen. „Jeder soll“, rief er, „von da, wo er ist, einen Schritt näherkommen.“

Als Abu Said das hörte, schloss er die Versammlung, bevor er sie begonnen hatte. Zur Erklärung sagte er: „Alles, was ich sagen wollte, hat der Platzanweiser schon gesagt.“ Und damit verließ er die Stadt.

„Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näherkommen.“ So einfach scheint das, und ist doch so schwer! Denn das setzt guten Willen voraus. Und ein Vertrauen in die Bereitschaft der anderen, dasselbe zu tun. Beides ist nicht immer gegeben. Und dennoch, davon bin ich überzeugt, Lösungen sind nur auf diese Weise möglich.

Es sind schließlich die kleinen Gesten, die Bewegung bringen in verfahrene Situationen. Das achtsam gewählte Wort, das kein Öl ins Feuer gießt. Die Bereitschaft, erst einmal einen vorsichtigen kleinen Schritt zu machen, um das Festgefahrene aufzulösen. Und nicht mit aller Gewalt mit dem Kopf durch die Wand zu wollen.

Mich erinnert die Geschichte an Worte aus der Bergpredigt Jesu. „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“

Die Sanftmütigen und die Friedenstifter. Vermutlich sind sie chancenlos in Zeiten des Krieges. Sie sitzen ja meist nicht an den Schalthebeln der Macht. Sie sind eine kleine Schar, zu wenige, um den Strom der Gewalt zum Versiegen zu bringen.

Aber ohnmächtig sind sie nicht. Einige haben es vorgemacht: Martin Luther King, Mahatma Gandhi, Bertha von Suttner. Sie haben Zeichen der Hoffnung gesetzt. Über ihr eigenes Leben und ihre eigene Zeit hinaus. Voller Überzeugung, dass der Gewaltspirale zu entkommen ist.

Ihre Namen machen uns heute Mut. Als Pioniere, die mit dem Frieden ernst gemacht haben. Weil sie verstanden haben: „Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen.“

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