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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

21MAI2022
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Meine Freundin Tanja pflegt ein besonderes Ritual. Mag sein es klingt erstmal sonderbar. Tanja cremt sich jeden Abend ganz bewusst ihre Füße ein. Nicht aus gesundheitlichen Gründen, sondern einfach so, und egal, wie der Tag war. Sie macht das mit Hingabe, und es tut ihr gut. Und was besonders interessant ist: genauso liebevoll, wie sie da jeden Abend mit sich selbst umgeht, geht sie auch mit ihrer Familie, ihren Freundinnen und überhaupt mit Menschen um. 

Ich bewundere Tanja für ihre aufmerksame Art und für ihr untrügliches Gespür, was ihr und anderen guttut. Wenn ich Tanja so vor mir sehe, wie sie ihre Cremedose aufdreht, fallen mir zwei Geschichten aus der Bibel ein, wo es auch darum geht, dass Füße gepflegt werden. (Lk 7, 36-50; Joh 13, 1-11)  

Die erste Geschichte geht so: Jesus ist zum Essen eingeladen, und während alle essen, kommt eine Frau auf Jesus zu. Sie weint, und ihre Tränen tropfen auf die Füße von Jesus. Dann trocknet die Frau seine Füße mit ihren Haaren ab und salbt sie mit einem duftenden Öl. Sie will Jesus etwas Gutes tun und nimmt für die Füße von Jesus ein besonders kostbares Öl. Im Gegensatz zu allen anderen um ihn herum erkennt Jesus sofort, dass das etwas Wertvolles ist. 

In der zweiten Geschichte ist Jesus derjenige, der sich um die Füße der anderen kümmert. Beim letzten Abendmahl wäscht er seinen Jüngern die Füße, und obwohl die Jünger sich erst dagegen wehren, lässt Jesus sich nicht davon abbringen. Er zeigt ihnen damit, wie sehr er sie liebt.

Wenn jemand seine eigenen oder fremde Füße eincremt oder pflegt, kann das etwas Liebevolles sein. Und es steckt für mich beides drin: dass ich mich sowohl um mich selbst als auch um andere kümmere. So wie Jesus das gemacht hat. Er konnte genießen, aber auch selbst Hand anlegen und anderen Gutes tun. Bei ihm kommt beides zusammen, so wie bei meiner Freundin Tanja.

Sie erinnert mich daran, dass ich in mich hineinhorche, was mir guttut, und auch die Ideen ernst nehme, die mir vielleicht erst mal schräg vorkommen. Gerade wenn die Zeiten heftig sind oder es mir einfach nicht gut geht, ist es so wichtig, dass ich gut zu mir bin.

Ich habe meine Freundin Tanja gefragt, warum sie sich jeden Abend diese Zeit für sich selbst nimmt. Sie hat es so auf den Punkt gebracht: „Man muss doch auch ein Herz für sich selbst haben.“

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