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SWR2 Wort zum Tag

16MAI2022
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Für Alltagshelden werden in der Regel keine Denkmäler errichtet. Dabei hätten sie es mehr als verdient. Spontan denke ich an eine sehr sympathische Frau aus meinem Bekanntenkreis, die sich um ihre große Familie kümmert, jede Woche in der Tafel ihrer Heimatstadt mitarbeitet und ebenso regelmäßig eine inzwischen demenzkranke Freundin im Altersheim besucht, obgleich diese Besuche auch für sie eine große Herausforderung bedeuten. Die meisten Menschen scheuen vor der Begegnung mit Demenzkranken zurück, und so sind Menschen mit Demenz im Alter häufig einsam. Davor bewahrt meine Bekannte ihre alte Freundin. Sie kommt jede Woche treu im Heim vorbei, singt mit ihr, erzählt ihr Geschichten und opfert ihre Zeit. Für mich ist sie eine wahre Alltagsheldin.

Eine junge Frau hat mir jetzt von einem älteren Ehepaar erzählt, das sich spontan bereit erklärt hat, ihren Sohn stundenweise zu betreuen, damit sie eine wichtige Fortbildung absolvieren kann. Ohne das Engagement der beiden Leute wäre es eng geworden. Die junge Frau ist sehr dankbar. Was für ein Glück, dass es diese beiden Menschen gibt. Ich ernenne die beiden Senioren hiermit zu Alltagshelden.

Viele Alltagshelden erzählen, dass sie auch selbst etwas von ihrem Engagement haben. Die beiden älteren Leute freuen sich über den kleinen Mann, mit dem sie stundenweise spielen. Er hält sie jung. Meine Bekannte freut sich jedes Mal, wenn ihre demente Freundin bei einem Lied mitsingt und sie anlächelt. Sie weiß auch, wie wichtig ihr Engagement in der Tafel für bedürftige Mitbürgerinnen und Mitbürger ist. Alltagshelden geht es nicht um eine win-win-Situation. Sie tun mehr, als sie zurückbekommen. Ganz klar ist das gelebte Nächstenliebe und entspricht dem, was sich Jesus für das Miteinander der Menschen gewünscht hat. Das gilt auch, wenn die Alltagshelden gar keine Christen sind. Ich habe meine Bekannte noch nie gefragt, ob sie an Gott glaubt. Selbst wenn sie nicht gläubig sein sollte – sie handelt christlich. Und ich weiß, dass unsere Gesellschaft unbedingt auf Menschen angewiesen ist, die diese christliche Haltung haben. Nicht nur in den großen Katastrophen wie der Überschwemmung an der Ahr oder dem Krieg in der Ukraine zeigt sich, wie sehr wir auf menschliche Selbstlosigkeit angewiesen sind. Wir brauchen sie täglich. Dringend.

Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Dieser Vers aus dem Galaterbrief ist die Losung de Herrnhuter Brüdergemeine für den heutigen Tag. Das klingt anspruchsvoll – und wird doch jeden Tag mit Leben erfüllt und gelebt. Von Alltagsheldinnen und -helden. Ihnen möchte ich heute herzlich Danke sagen.

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