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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

14MAI2022
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In unserem Haus steht ein Tisch. Schlicht und aus massivem Erlenholz. Der Tisch ist groß und man kann gemütlich zu 6. daran sitzen. Ohne, dass die Ellenbogen aneinanderstoßen. Und wenn man ihn auszieht passen gut zehn Menschen daran.

Der Tisch ist das Zentrum unserer Familie. Hier sitzen wir bei Familienfesten und wenn wir gemeinsam etwas spielen. Hier tagt der Familienrat. Wenn Gäste kommen ist hier unser Platz und bis heute erledigt ein Sohn seine Hausaufgaben hier.

Wenn ich an dem Tisch sitze, dann sehe ich: er hat ganz schön viele Macken. Und jede davon erzählt von unserem Leben. Wenn ich schräg auf die Oberfläche schaue erkenne ich zum Beispiel mehrere große As. Da hat mein Sohn gelernt seinen Namen zu schreiben. Den Bleistift fest in der kleinen Hand und voller Stolz und voller Kraft Buchstaben aufs Papier malend. In der Mitte des Tisches ist ein dunkler Kreis. Etwas verbrannt. Da haben wir nach einem Fest morgens einmal die zu heiße Espressokanne einfach aufs Holz gestellt. Ich weiß noch, dass wir uns nicht geärgert haben, weil alles gerade so schön war. Soviel Leben steckt in dem Tisch. Fast wie ein Tagebuch, das nur die lesen können, die dabei gewesen sind.

Ich glaube so ist es mit mir auch. Auch ich habe Macken und bin nicht mehr ganz neu. Abdrücke von gelebtem Leben: Narben und Falten. Aber auch liebevolle Küsse und Streicheleinheiten haben Ihre Spuren hinterlassen. Spuren, die nur sehen kann, wer dabei gewesen ist. Also ich. Und Gott. Denn davon bin ich überzeugt – Gott hat all das Leben begleitet. Saß oft schon mit an unserem großen Familientisch. Wenn wir gefeiert haben und auch wenn wir gestritten haben. Aber Gott war auch schon dabei als es den Tisch noch gar nicht gab. Als ich selbst noch ein Kind war und an einem anderen Familientisch gesessen habe. Saß mit in der WG und war auch sonst an meiner Seite. Er kann die Spuren lesen, die das Leben auf mir hinterlassen hat. Und ich stelle mir vor, wie er sie anschaut und lächelt. So wie ich, wenn ich an unserem Tisch sitze. Lächelt und denkt: Wie wertvoll das ist – gelebtes Leben. Und wie schön mit allen Macken und Spuren.

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