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SWR4 Sonntagsgedanken

08MAI2022
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Die Bilder gleichen sich auf erschütternde Weise. Heute vor genau 77 Jahren war der Zweite Weltkrieg endlich zu Ende. Städte wie Pforzheim und Mainz lagen in Schutt und Asche. Unendliches Leid war in den Gesichtern der Überlebenden zu lesen. Jahre des Mordens und der Zerstörung waren vorbei. Aufatmen und ein neuer Frühling!

Heute sehe ich die Bilder aus Mariupol, Charkiw und Kiyw: Trümmer, Chaos, Tohuwabohu. Und ich frage mich: wann ist es endlich vorbei? Und wie soll dann ein neuer Anfang möglich werden?

Am Anfang der Welt, vor allen Zeiten, war nichts als Chaos, Tohuwabohu. Wüste und Leere. Die Bibel beschreibt den allerersten Anfang in den allerersten Versen.

Als Gott sich daran machte, den Himmel und die Erde zu schaffen – die Erde war noch wüst und leer und ein Gotteswind schwebte über dem Wasser – da sprach Gott: Es werde Licht!

Die ersten Verse der Bibel wagen einen Schritt vor allen Anfang zurück.
Gott setzt mit der Schöpfung einen neuen Anfang, bringt Ordnung ins Chaos und Leben dorthin, wo es so gar nicht nach Leben aussieht. Dieser Anfang gibt mir Hoffnung dafür, dass es auch heute Anfänge gibt, wo alles in Trümmern liegt. In Kriegstrümmern in den zerstörten Städten. Und in Seelentrümmern, die vielleicht erst mit der Zeit sichtbar werden, wenn ich so gar nicht aus noch ein weiß. Es dauert manchmal länger, Seelentrümmer zu beseitigen als Städte wiederaufzubauen.

Als Gott sich daran macht, den Himmel und die Erde zu schaffen, da war überall Wüste und Leere. Da war eine dunkle und tosende Urflut und über dieser Flut, über den Wogen, die bedrohlich brodelten, da bewegte sich der Geist Gottes, der Wind, der Atem Gottes, wie es wörtlich in der Bibel heißt.

Tohuwabohu, das ist mehr als ein bisschen Unordnung. Tohuwabohu, das ist bedrohliche und unwirtliche Öde. Leblos, grau, dürr und verkrustet. Erstarrte Zerbrechlichkeit. Trümmer und schroffe Kanten. Furchen aus grauen Vorzeiten, die verfestigt und zerklüftet sind. Was soll daraus schon werden können? Die Welt wie sie ist, ist zerbrechlich und fragil, trocken und dürr.

Ich setze darauf, dass Gott sich an den großen Anfang seiner Welt erinnert und dass er auch heute dem Chaos und dem Tohuwabohu ein Ende setzt. Ich wünsche mir das so sehr. Dass aus den Trümmern etwas Neues entsteht. Dass es Frieden wird in der Ukraine, im Jemen, in Mali – und in mir. Dass Gottes Geist, der Wind, der Atem, sich wieder spüren lässt, dass ich aufatmen kann und dass das Chaos in meiner Seele und in dieser Welt aufgeräumt wird.

Mir gefällt dieses Bild vom Geist Gottes. Gottes Geist ist wie ein Wind. Manchmal fegt er wie ein gewaltiger Sturm das Chaos weg. Wie der Sturm, der das Totholz aus dem Wald fegt.

Manchmal wirbelt er alles durcheinander und nichts bleibt mehr an seinem Platz. Aber er kann auch zärtlich pusten auf verwundete Seelen. Wie eine Mutter, die auf die Wunde ihres Kindes pustet. Der Gottes-Wind kann wild sein und sanft sein. Beides ist heilsam.

Mir ist vor einiger Zeit ein Gedicht begegnet. Christian Wiman hat es geschrieben – kurz nachdem er seine Krebsdiagnose bekommen hat. Er spricht „ein kleines Gebet im scharfen Wind“

Wie durch ein lange herrenloses und nur noch halb stehendes Haus,
das nur jemand Verlorenes finden könnte,
mit seinen scheibenlosen Fenstern und durchhängenden Balken,
mit hunderten von Spalten und Klüften,
in denen sich hunderte von Lebewesen sammeln und nisten,
so scheint der Lebensgeist, der hier einst gewesen ist
und der lebendige Geist dieses verfallenen Ortes.
Der Wind sucht jede Wunde im Holz und er singt in jeder Wunde im Holz,
die offen genug ist, um ihn aufzunehmen.
zerschmettere mich, Gott, in meine tausend Töne.*


Ich stelle mir einen verfallenen Ort irgendwo im Nichts vor. Ein Haus, in dem einmal Leben war. Manchmal ist das Leben selbst wie so ein Haus. Gebaut auf einem soliden Fundament, mit Wänden, die Halt geben sollten: eine Beziehung, ein fester Glaube, Freundinnen und Freunde, mit Fenstern, die das stetige Fortkommen sichern sollten, mit einem Dach, das vor Regen und unerwarteten Gewittern schützen sollte.

Und jetzt ist dieses Haus verfallen. Die Beziehung steht in Frage. Krankheit macht das Leben brüchig. Immer lauter drängt sich die Frage auf, ob das alles noch trägt. Das Holz hat Risse. Alte Wunden und neue Fragen. So vieles erschüttert mich gerade und bringt unsere Welt durcheinander. Aber: durch die kleinsten Risse und Wunden in meinem Lebenshaus bläst der Gotteswind, Gottes Geist. Und dann wird daraus Musik.

Daran will ich mich festhalten. Daran, dass Gottes Geist aus den Wunden und Ritzen Musik des Lebens machen kann. Daran, dass der Wind Gottes aus den Trümmern der Kriegsschauplätze und aus den Brüchen auf meiner Seele wieder Neues wachsen lassen kann. Dass die Liebe blüht und dass es Frieden wird über den Trümmern. Ich wünsche Ihnen einen blühenden Sonntag und eine gesegnete Woche.

*Christian Wiman, Small Prayer in a hard wind, in: ders. Every Riven Thing. Poems,
New York 2011, 72, Übersetzung hier: Heike Springhart

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