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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

10MAI2022
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„Bin gleich da“ ist einer der Sätze, die ich am häufigsten in mein Smartphone tip­pe. „Bin gleich da“ – ich habe mich ver­spätet. Ich brauche noch ein bisschen. Nie war die Zeit knapper. Nicht nur, dass zuhause die Familie wartet. Im Büro wartet auch noch Ar­beit. Und dann ist da noch der Verein, die Kirchengemeinde, der Freundeskreis, die Eltern, die mehr und mehr Betreuung brauchen. Und wem das noch nicht reicht, der kann die Push-Mitteilungen auf seinem Smartphone aktivieren und bekommt damit stündlich die aktuellsten Nachrichten direkt aufs Handy.

Das Klagelied über mangelnde Zeit und ständige Erreichbarkeit ist nichts Neues. Die Frage ist, was macht das mit uns?

Wir werden unaufmerksamer – wenn wäh­rend eines guten Gesprächs mein Handy vibriert, bin ich sofort abgelenkt. Wir werden unentschlossener – heute sage ich gerne zu, aber wenn sich morgen etwas anderes ergibt, dann hat das vielleicht Vor­rang. Wir leben nicht den Moment, sondern ha­ben scheinbar alles zugleich im Blick. Willkommen im Informationszeitalter.

Mose, der Mann, der das Volk Israel im Auftrag Gottes aus der Sklaverei befreite, lebte lange vor dem Informationszeitalter. Vielleicht konnte er deshalb anders antworten, als Gott ihn aus einem brennenden Dornbusch heraus ansprach. (Ex 3,4) Als Mose Gottes Stimme hört, antwortet er: „Ich bin da.“ Kein „Moment, Gott, ich schreib noch kurz die Mail fertig.“ Kein „Ich bin gleich da.“ Einfach nur „Ich bin da.“ Was für eine ungewöhnliche Aussage, wo doch heute niemand mehr ist, wo er ist.

Nachdem Mose diese drei Worte gesprochen hat, bekommt er seinen großen Auftrag. Nach Ägypten gehen und ein ganzes Volk in die Freiheit führen. Diese Geschichte zeigt mir, was möglich ist, wenn wir da sind. Wenn wir uns Zeit nehmen. Es ist für mich als Seelsorger ein großes Privileg, das ich von Berufs wegen Zeit für Menschen habe. Das ich an Krankenbetten und in Altenheimen, an Geburtstagstischen und an der Kirchentüre sagen kann: Ich bin da. Immer wieder mache ich dabei die Erfahrung, dass dieser Satz Menschen tatsächlich in die Freiheit führt. Wenn sie erzählen können, was sie schon lange belastet. Wenn sie einmal loswerden können, was ihnen auf der Seele brennt. Wenn sie spüren, dass da jemand ist, der ihnen nichts verkaufen oder andrehen möchte, sondern gerne und offen zuhört. Ich weiß, dass die meisten von Ihnen dieses Privileg in ihrem Arbeitsalltag nicht haben. Aber ich möchte Ihnen Mut machen, diesen Satz doch hin und wieder zu sprechen. Zeiten und Momente zu suchen, in denen Sie da sind. Für Ihren Partner oder Ihre Partnerin, ganz ohne Smartphone in der Hand. Für Ihre Kinder, ohne in Gedanken schon im Büro zu sein. Für Ihre Freundin, ohne schon im Kopf die Einkaufsliste zu planen. Für den Kollegen, ohne nebenbei das Memo zu formulieren. Ich bin da. Dieser Satz öffnet Herzen, er schafft Nähe, gibt neue Perspektiven und er kann befreien.

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