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SWR1 Begegnungen

01MAI2022
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Wolfgang Herrmann Foto: Manuela Pfann

Heute ist der 1. Mai, der Tag der Arbeit. Deshalb treffe ich mich mit Wolfgang Herrmann; mit ihm möchte ich mich über die Bedeutung von Arbeit unterhalten. Er ist Priester und leitet die Betriebsseelsorge in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Sein Arbeitsplatz ist überwiegend draußen: auf Fernfahrerparkplätzen, bei Betriebsräten oder auf Podiumsdiskussionen. Priester sein und sich um Arbeitende kümmern, das gehört für ihn ganz eng zusammen. Und zwar schon seit einem Studienjahr in Mexiko.

Wir haben vormittags studiert und jeder hat während des gesamten Studiums nachmittags in einer Kirchengemeinde mitgearbeitet oder in einem Projekt oder sogar in einem Betrieb gearbeitet. Ich fand diese Verbindung zwischen Studium und dem Sich-Einlassen auf die Situation der Menschen, mit denen ich ja später arbeiten werde, ungemein spannend. Vor allem weil die Menschen einen immer wieder auf den Boden der Realität zurückgeholt haben.

Das war Mitte der 80er Jahre. Und diese Erfahrung hat seinen Blick als Seelsorger bis heute geprägt:

Ich habe aus Mexiko einen Satz mitgebracht, der mich seitdem umtreibt und der heißt: Die Kirche und die Mitarbeiter müssen dort sein, wo sich das Leben der Menschen abspielt.

Und das ist in den Augen von Wolfgang Herrmann eher nicht im Gemeindehaus oder in der Kirche. Sondern dort, wo Menschen ihrer Arbeit nachgehen. Herrmann und sein Team haben beispielsweise Kontakte zu Wanderarbeiterinnen und -arbeitern aus Osteuropa; sie betreuen und beraten aber auch Menschen ohne Arbeit oder sie setzen sich an der Seite von Gewerkschaften für bessere Arbeitsbedingungen ein. Zu diesen Bedingungen zählt für den Seelsorger in jedem Fall auch der arbeitsfreie Sonntag.

Das ist ja nicht nur ein Tag, an dem wir tun und lassen können, was wir wollen, weil es kein Tag der Erwerbsarbeit ist. Sondern von der Geschichte her ist das ein Tag, der uns daran erinnert, dass der Mensch nicht nur ein Wesen ist, das man wirtschaftlich verwerten kann.

Mit Geschichte meint er die berühmte Erzählung aus dem alten Testament, in der Mose das Volk Israel aus der Gefangenschaft befreit

Und Gott hört den Schrei dieses Volkes und führt es aus der Arbeitssklaverei in ein Land, wie es dann heißt, wo Milch und Honig fließen.

In Zeiten von Homeoffice und der Möglichkeit immer online zu sein, verschwimmen die Grenzen von Arbeit und Freizeit zunehmend. Da bin ich tatsächlich froh, dass der Sonntag auch mich manchmal zwingt, innezuhalten.

Der Sonntag hat eine Dimension, die weit über die christliche Bedeutsamkeit hinausgeht. Das ist ein Tag, der für uns alle als Menschen ein Geschenk freier Zeit ist. Wo wir unverfügbar sein können. Wo wir uns Dingen widmen können, von denen niemand erwartet, dass wir sie tun.

Wolfgang Herrmann ist Priester und leitet seit 15 Jahren die katholische Betriebsseelsorge in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Am Tag der Arbeit spreche ich mit ihm über den Wert von Arbeit und über seine Vision für das Jahr 2030. Und die sieht so aus: Es gibt viele genossenschaftlich geführte und regionale Betriebe, Krankenhäuser müssen keine Gewinne mehr erwirtschaften und bezahlen ihre Pflegekräfte gut, Lebensmittelproduzenten haben den Natur- und Tierschutz im Blick. Und jeder arbeitet so viel, wie es für ihn in der aktuellen Lebensphase gerade möglich ist.[1]

Im Grunde genommen braucht es ein komplettes, gesellschaftliches Umdenken. Von daher hat das Auswirkungen auf unsere Arbeit, auf unseren Lebensstil.

Gerade deshalb beeindruckt ihn das Engagement der vielen jungen Leute bei Fridays for future. Weil die klar sagen:

Leute, es geht nicht mehr so. Da braucht es Aushandlungsprozesse. Wieviel Ressourcen wollen wir eigentlich verbrauchen? Früher beim Metzger hat es immer geheißen, darf es ein bisschen mehr sein? Heute muss vielleicht die Frage lauten: Darf es ein bisschen weniger sein?

Wolfgang Herrmann ist sich sicher, dass wir weiter und ganz neu denken müssen. Auch wenn Vieles zunächst utopisch klingt.

Mit klugen Fragen, mit klugen Ideen wo wir gerne hinmöchten, gewinnt man Menschen, über diese Zukunftsperspektive miteinander ins Gespräch zu kommen und dann auch zu überlegen, wie könnten denn die ersten kleinen Schritte dahin aussehen.

Von einem solchen ersten kleinen Schritt erzählt mir Wolfgang Herrmann dann. In Aalen, im östlichen Teil von Baden-Württemberg, versucht eine ganze Stadt die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen auf ihre Weise umzusetzen. Und mit einem kleinen Projekt ist die Betriebsseelsorge da mit dabei, denn die verkauft dort besondere Tomaten – und zwar aus Süditalien

Das ist ein Projekt, wo Geflüchtete unter fairen Bedingungen Tomaten anbauen und ernten, mafia-frei, ausbeutungsfrei und damit eine Alternative anbieten für einen fairen, nachhaltigen Konsum von Lebensmitteln, die bei uns in Europa hergestellt werden.

Klar, diese Tomaten kosten deutlich mehr als andere Tomaten aus dem Süden. Es stellt sich da im Kleinen die große Frage: Was sind uns faire Arbeit und menschenwürdige Bedingungen wert? Für den Betriebsseelsorger ist das klar:

Ich kann einen Beitrag dazu leisten; die Tomate, die Lasagne oder die Pizza schmeckt plötzlich ein ganzes Stück fairer. Und das sind so die einzelnen Bausteine, wo man auf lokaler Ebene beginnen kann, eine Veränderung herbeizuführen. Es geht was! Gerecht geht anders, braucht seine Zeit; aber es geht was!

 

[1]Rastplatz Betriebsseelsorge, Sonderausgabe März 2030

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35326