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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

03MAI2022
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Meine Mutter hatte Brustkrebs. Meine Oma auch. Deshalb gehe ich regelmäßig zur Vorsorge. Das ist immer ein bisschen aufregend, aber bisher war nie was. Genau, bisher. Jetzt stutzt die Ärztin und schickt mich zu weiteren Untersuchungen. Schon geht das Kopfkino los. Hab ich einen Tumor? Muss ich mich operieren lassen? Wird es schlimm?  Sterbe ich daran?

Ich sage mir all das, was ich anderen in der Situation sage.
Es muss ja nichts Schlimmes sein. Warte erst mal die genaue Diagnose ab.Mach dich nicht verrückt. Nichts wird so heiß gegessen wie gekocht. Die Medizin macht so große Fortschritte. Du kennst doch Freundinnen, die Brustkrebs hatten. Man kann es überleben. Ganz überzeugend ist das alles nicht.

Wenn ich nachts aufwache, sind die Gedanken sofort wieder da. Wenn ich unter der Dusche stehe oder im Auto sitze und ohne große Gedanken bin, dann kommt direkt das fiese kleine Gefühl: hm, was wäre, wenn. Nicht schön, diese Tage bis zum nächsten Gespräch mit der Ärztin.

Ich saß unter dem Damoklesschwert. Damokles war ein Diener, der seinen Herrscher um sein Glück und seinen Reichtum beneidete. Der König lud ihn zu einem Festmahl ein. Allerdings hing über dem Thron des Königs ein Schwert an einem Pferdehaar. Und Damokles spürte, wie unsicher jedes Leben ist: jederzeit kann das Schicksal zuschlagen. Den Menschen aus dem heiteren Himmel reißen. Man weiß nur nicht wann – und wie schlimm es wird. Egal, ob König oder Knecht.

So geht es Menschen, die auf eine Diagnose warten. Oder auf die Kündigung ihres Arbeitsplatzes. Oder einen finanziellen Einbruch. Oder eine Nachricht aus dem Krieg. Sie sitzen unter dem Damoklesschwert.
Bei mir ist alles gut ausgegangen. Was mir geholfen hat: dass ich nicht allein war mit meiner Angst. Ich suchte mir Beistand. Die Freunde, die Familie, Gott. Die bleiben. In guten und in schlechten Tagen.

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