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SWR4 Abendgedanken

27APR2022
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Die Worte, mit denen Jesus als Auferstandener seine Apostel begrüßt, haben dieses Jahr einen besonderen Klang: „Der Friede sei mit Euch!“. Im Johannesevangelium kommt Jesus nach Ostern mit diesen Worten auf seine Jünger zu. Es wirkt so, als ob die Jünger Jesus an diesem Gruß wiedererkennen. Wie zu seinen Lebzeiten geht er auf die Menschen zu und wünscht ihnen Frieden. Wenn ich das ins Hebräische zurückübersetze, also „Friede“ zu „Schalom“ wird deutlich, was das alles bedeutet: „Schalom“ ist zuallererst der Wunsch, dass der einzelne Mensch, dem ich begegne, gesund ist und dass es ihm rundum gut geht. Klar, das geht nicht, wenn Gewalt und Krieg das Leben der Menschen bedrohen. So kommt es wohl, dass wir „Schalom“ im Deutschen mit „Frieden“ übersetzen.

Ich finde es bemerkenswert, dass Jesus diesen Wunsch nach seiner Auferstehung verwendet. Er hat alles durchgemacht, was Menschen einem Schlechtes zufügen können. Aber auch nachdem er gelitten hat, gefoltert und grausam ermordet wurde, hat er keine Rachegedanken, sondern Frieden im Sinn. Er scheint in einer anderen Sphäre zu sein, in einer, in der Rache und Gewalt keinen Platz haben. Und gerade weil er dies als ein Opfer der Gewalt so vertritt und keine Rache fordert oder mindestens eine gerechte Strafe für seine Mörder, wirkt er auf mich souverän.

Ich denke, besonders in der aktuellen Situation erleben wir alle, wie Gewalt wirkt und eskaliert. Die eine gewalttätige Aktion ruft die nächste, noch aggressivere Reaktion hervor. Dass wir mit diesem Wunsch nach Rache und gerechter Strafe reagieren, ist menschlich. Das gilt im Großen, im Krieg, genauso wie in den kleinen Konflikten und Streitereien, die wir erleben, z.B. am Arbeitsplatz oder auch in Vereinen, wenn zwei Personen um die Führungsrolle konkurrieren.

Jesus zeigt, wie wir über diese Gewaltspirale hinauskommen und irgendwann wieder Frieden finden. Denn in die Zukunft führt der Weg, den Jesus nach Ostern zeigt. Es ist der Weg des Friedens. Wenn ich Gewalt überwinden und zu einem neuen, besseren Leben kommen will, hilft nur, dass ich verzeihe und auch den anderen das Gute wünsche. Das übersteigt zwar meine erste menschliche Reaktion, aber es ist auch nicht unerreichbar. Dass wir alle das, darum bete ich, egal wie lange es noch dauern wird, bis, mit Jesu Worten gesprochen, dieser Friede mit uns ist.

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