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SWR4 Abendgedanken

26APR2022
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Jetzt sind es über zwei Monate Krieg in der Ukraine. Es klingt beinahe schon seltsam, aber ich mache mir Gedanken darüber, wie schnell ich mich an diesen Zustand gewöhnt habe und das Mitgefühl mit den leidenden Menschen so alltäglich wird. Als ob man sich irgendwann damit abfinden könnte.

In den ersten Tagen als die russische Armee ihre Angriffe gestartet hat, habe ich in jeder freien Sekunde die Nachrichten gesehen. Ich wollte unmittelbar mitbekommen, was passiert, habe Anteil genommen und auch den Schock verarbeitet, dass so etwas Unvorstellbares nun Wirklichkeit geworden ist. Irgendwie habe ich mich sogar daran gewöhnt, dass ich unruhiger schlafe, weil ich in Gedanken viel bei den Menschen bin, die unter dem Krieg leiden. Die Menschen aus der Ukraine, deren Familien auseinandergerissen sind und deren Heimat zu einem großen Schutthaufen zerbombt wird. Genauso denke ich auch an die Menschen in Russland, die offensichtlich oft gar nicht wissen, was da los ist. Ich denke, sie müssen doch irgendwann mitbekommen, dass sie beim Einkaufen nicht mehr alle Waren vorfinden und warum das so ist, und dass alles teurer geworden ist.

Mit der Zeit sind in den letzten Wochen aber auch andere Themen wieder in den Vordergrund gerückt. Auf der einen Seite finde ich das befremdlich. Denn ich will mich nicht abfinden mit dem Leid, das die betroffenen Menschen täglich erleben müssen.

Anderseits ist mir auch klar geworden, dass dieser Krieg mir nur aus nächster Nähe zeigt, was in gut vierzig anderen Kriegen auf der Welt gleichzeitig passiert, ohne dass ich jedes Mal so intensiv Anteil nehme an dem Leid der betroffenen Menschen.

Dieser Gewöhnungseffekt schützt mich und ich könnte es ja gar nicht verkraften. Denn wenn ich vor Mitleid zerfließe, ist ja niemandem gedient. Den anderen hilft es eher, wenn ich meinen Optimismus bewahren kann.

Für mich gibt es zwei Wege, damit so umzugehen, dass die Hoffnung und das Gute in mir nicht stirbt: Ich helfe tätig mit, wo Spenden für die Menschen in der Ukraine gesammelt werden oder wenn Flüchtlinge hier bei uns ankommen.

Das zweite ist, dass ich jeden Abend bete für alle Menschen in Russland und in der Ukraine, die unter dem Krieg und seinen Folgen leiden. Auch wenn es Menschen sind, die den Krieg veranstalten, ich lege es am Abend in Gottes Hand, dass wieder Friede einkehrt. 

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