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SWR4 Abendgedanken

25APR2022
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Ich mache mir in letzter Zeit viele Gedanken, wie es mit meiner Religion, dem Christentum in Deutschland weitergeht. Ich sehe zwei Entwicklungen: Auf der einen Seite findet ein Auszug aus den Kirchen statt, der uns Katholiken, aber auch die evangelischen Christen in Deutschland bald auf die Größe einer Sekte schrumpfen lässt. Die Gründe liegen auf der Hand.

Auf der anderen Seite sehe ich außerhalb der Kirchen immer wieder, wie vieles von meiner christlichen Überzeugung in der Gesellschaft verankert ist:

Ich habe in der Pandemiezeit erlebt, wie der Zusammenhalt der Menschen großgeschrieben wird. Und das waren nicht nur leere Worte: Oft haben Nachbarn sich gegenseitig geholfen, wenn jemand in Quarantäne Einkäufe nicht selbst erledigen konnte. Das ist in meinen Augen gelebte Nächstenliebe. Und ich denke auch, dass sich der Blick verändert hat auf das, was Pflegekräfte leisten. Ich habe auch immer wieder mitbekommen, dass Unternehmer uneigennützig und unbürokratisch Flüchtlinge aus der Ukraine aufnehmen und Bürger in ihren Privatwohnungen das Gästezimmer bereitstellen und mit Spenden die Opfer des Kriegs unterstützen. Gleichzeitig sehe ich an Autofenstern und an Häusern Flaggen und Symbole, die die große Sehnsucht nach Frieden ausdrücken, die uns Menschen zusammenführt.

Dass wir da Nächstenliebe leben, zusammenhalten und helfen, ist das eine, was zeigt, dass das Christentum bei uns lebt. Das andere ist der christliche Kult. Was ich mir in einem Gottesdienst erhoffe, habe ich inzwischen auch schon oft bei Konzerten außerhalb der Kirche erlebt: Dass ich mich durch die Texte, die ich höre, von Gott angesprochen fühle und dass sie umgekehrt zu meinen Gebeten werden.

Bei alledem merke ich, dass ich bei diesen Entwicklungen noch mehr auf Gott vertrauen könnte. Anstatt dass ich fürchte, dass das Christentum verloren geht, will ich mich auf ihn verlassen. Ich sehe ja schon deutlich, dass es weitergeht.

Dass Gott mit uns so ganz andere Wege geht, lässt mich hoffen, dass es auch mit dem Christentum weitergeht. Wenn die Kirchen schrumpfen, wird Gott neue Wege finden. Denn er ist treu. Auf ihn kann ich mich verlassen.

Am Gedenktag des Evangelisten Markus, der sein Evangelium für Heidenchristen geschrieben hat.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35279