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SWR2 Wort zum Tag

30APR2022
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Einen Tag nachdem mein Großvater gestorben ist, bin ich morgens aus einem Traum aufgewacht. Es war eigenartig. Ich bin am Abend ziemlich traurig eingeschlafen und nach dem Traum getröstet aufgewacht. In dem Traum ist mein Großvater zu uns zu Besuch gekommen. Wir waren alle bei meiner Großmutter in der Küche und er kam plötzlich zur Türe herein. Wir waren ziemlich erschreckt, weil er ja gerade gestorben ist. Mein Großvater war in dem Traum kein Spuk oder ein Gespenst. Es war nur so verwirrend, weil wir ja eigentlich wussten, dass er tot ist. Und jetzt stand er plötzlich in der Küche. Ich habe dann voller Staunen gefragt, „Mensch, Opa, was machst Du denn hier? Du bist doch tot?“. Er hat darauf reagiert und gesagt, dass er gekommen sei, weil er nach uns sehen wollte. Er wollte wissen, wie es uns geht. „Uns geht’s, gut“, habe ich gesagt, „aber wie geht’s Dir?“. Er hat nur gemeint, dass es ihm auch sehr gut geht. Soweit der Traum.

Es ist zwar nur ein Traum, aber ich habe diesen Traum so realistisch erlebt, dass er mich getröstet hat. Auch als ich wieder wach war, habe ich mich getröstet gefühlt. Das Gefühl, dass es meinem Großvater gut geht und dass wir miteinander verbunden bleiben, ist mir seitdem als innere Überzeugung geblieben.

Selbstverständlich weiß ich, dass Träume ein Produkt meiner Phantasie sind und dass mein Gehirn sie unbewusst hervorbringt. Sie sagen vermutlich vor allem etwas darüber aus, wie ich in meinem Innersten ticke, die Welt verstehe und verarbeite. Dieser Traum hat ja auch gut zum Charakter von meinem Großvater gepasst. Dass er so mal schnell vorbeikommt und sich nach uns erkundigt, entspricht seiner Art.

Dieser Traum ist also kein sicherer Beweis für ein Leben nach dem Tod oder für eine Botschaft aus dem Jenseits. Er ist ein Spiegel meines Inneren.

Aber auch wenn dieser Traum kein Jenseits beweist, hat er doch meine Wirklichkeit verändert. Das sichere Gefühl, dass es meinem Großvater jetzt gut geht, wo er ist, ist mir ja geblieben. Selbst wenn es nur eine Wunschprojektion ist, wirkt sie bei mir sehr stark und bewirkt etwas Gutes.

Und trotzdem frage ich mich als Christ, ob ich in diesem Traum mehr begegnet bin als nur meiner Phantasie und meinen Wünschen. Ich gehe ja davon aus, dass es einen Gott und ein Jenseits gibt und dass Gott mit uns Menschen kommuniziert. Auch mit mir. Und wenn er mich erreichen will, dann muss er ja irgendwie bei mir ankommen, in den Bereichen meines Gehirns, das meine Wirklichkeit konstruiert und einordnet, was ich denke, erlebe und fühle.

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