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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

18MRZ2022
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Ich war zu Besuch in einer diakonischen Einrichtung. Da hat mich eine Frau angesprochen, die dort gewohnt hat. Sie war geistig behindert. „Wie heißt du?“, hat sie gefragt. „Ich bin Ute“, habe ich geantwortet. Da hat sie mich nachdenklich angeschaut und gefragt: „Kennst du die?“ Jetzt war ich verwirrt und habe nachgefragt: „Wen?“ Nun war sie auch irritiert und hat einen neuen Anlauf genommen: „Wie heißt du?“ Antwort: „Ute.“ Und wieder die gleiche Nachfrage: „Kennst du die?“ Hm. Eine ziemlich philosophische Frage. Kenne ich mich?

Ich habe eine Weile gebraucht, um zu kapieren: Sie meint nicht mich. Sie kennt noch eine Ute. Eine andere Ute. Sie wollte wissen, ob ich die andere auch kenne, wenn wir schon den gleichen Vornamen haben. Da sie fand, das liegt auf der Hand, hat sie das Gespräch unterwegs etwas abgekürzt. Sie konnte ja nicht ahnen, dass ich da nicht mitkomme.

Ein Missverständnis, aber die Frage, die sie mir gestellt hat, kommt mir seither trotzdem immer wieder in den Sinn. Vor allem, wenn ich mich selbst etwas rätselhaft finde. Zum Beispiel wenn ich mich frage, warum ich neulich so reagiert habe und nicht anders. „Kennst du die?“ Dann muss ich ehrlicherweise antworten: „Nicht wirklich.“ Also, ein bisschen schon und manchmal meine ich, ich kann mich ganz gut einschätzen. Aber dann bin ich mir doch wieder selbst ein Rätsel, überrasche mich selbst und freue mich darüber oder komme aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr raus.

In einem Gebet der Bibel, dem Psalm 139, heißt es: „Herr, du erforschst mich und kennst mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.“

So betet ein Mensch, der weiß: Ich kann mich nicht selbst ergründen. Ich kann nicht meine eigene Seele ausloten. Muss ich auch gar nicht. Es wäre ein ziemlich vermessenes Unterfangen.

Gott, es reicht mir, dass du mich kennst und mich verstehst. Dass du um mich herum bist, egal, was gerade in mir vorgeht. Dann fühl ich mich gut aufgehoben.

Überraschen kann ich mich und andere dann immer noch. Wäre ja auch schade, wenn es anders wäre. Hauptsache, Du kennst mich.
Übrigens, falls jemand von Ihnen Ute heißen sollte: Ich kenne Sie nicht.

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