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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

24FEB2022
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Heute vor 74 Jahren starb in Paris der legendäre Abbé Franz Stock. Der junge Theologe aus Westfalen kam schon früh mit französischen Jugendlichen in Kontakt und wurde zum Vorkämpfer der deutsch-französischen Versöhnung. Schon zwei Jahre nach seiner Priesterweihe berief ihn sein Bischof zum Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde in Paris. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht, die unser Nachbarland überfallen und besetzt hatte, wurde Abbé Stock auch Seelsorger in den Pariser Militärgefängnissen. Dort betreute er viele französische Widerstandskämpfer. Unter Lebensgefahr schmuggelte er Botschaften der Gefangenen nach draußen und hielt Kontakt zu den Angehörigen. Manche von ihnen fütterte er auch mit Insider-Wissen, um sie so vor der eigenen Festnahme zu bewahren. Bald nannte die „Résistance“, die französische Widerstandsbewegung, den deutschen Abbé den „Erzengel der Gefängnisse“ oder den „Kaplan der Hölle“. Ganze Nächte verbrachte er mit den zum Tode Verurteilten in ihrer Zelle und begleitete zahllose von ihnen im Morgengrauen zur Hinrichtung. Einer der Widerständler, ein Kommunist, so schreibt Abbé Stock in seinem Tagebuch, habe ihn kurz vor der Erschießung umarmt und gebeten, sich hinter die Soldaten zu stellen, dass er ihn im Augenblick des Todes sehen könne, ihn, den „Kaplan der Hölle“. 

Noch keine vierundvierzig Jahre alt starb Franz Stock nach dem Krieg in amerikanischer Gefangenschaft. Bei der Trauerfeier würdigte ihn der spätere Papst Johannes XXIII. mit den Worten: „Abbé Franz Stock – das ist kein Name, das ist ein Programm!“

 

Was ist sein Programm? Menschen nahe zu sein in den finstersten Verliesen der Verlassenheit und Verzweiflung, wenn ihnen Unrecht widerfährt, wenn sie erniedrigt und gedemütigt werden.

Heute denke ich dabei an viele in den kalten Kammern der Einsamkeit, allein gelassen im Alter oder in der Beziehungslosigkeit. Ich versuche auch, wie Abbé Stock bei denen auszuhalten, die krank und vom Tod gezeichnet sind. Warum? Weil ich an jene Botschaft glaube, die allen Getauften zugesagt wurde: Unser Gott ist ein Gott des Lebens – auch über den Tod hinaus.

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