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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

22FEB2022
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Wenn der Staatsanwalt wegen schweren Diebstahls ermittelt, vergeht einem Langfinger gewöhnlich das Lachen. Doch Jörg Alt, ein Nürnberger Jesuit, freut sich auch noch! Er hatte kurz vor Weihnachten bei Nacht und Nebel Lebensmittel aus den Mülltonnen eines Supermarkts geklaut und die heiße Ware an Arme und Obdachlose verteilt. Nun ja - „Brotvermehrung“ in der Bibel geht eigentlich anders! Also alarmierte der Pater selber die Polizei und bekannte sich zu seiner Straftat. Nun wartet man gespannt auf den Ausgang des Verfahrens. „Containern“- so lautet der Fachbegriff unter Insidern – wird immer noch mit Haftstrafe bedroht.

Eigentlich „absurd“, meint sogar Landwirtschaftsminister Cem Özdemir und will die Rechtslage überprüfen lassen. Dass das „Recht auf Eigentum“ sich sogar auf einen Müll-Container erstreckt, dessen Inhalt definitiv zur Vernichtung bestimmt ist, begreife, wer mag. Da ist zweifellos die Politik am Zug!

Doch schlimmer finde ich, dass wir selber als Verbraucherinnen und Verbraucher schamlos mit wertvollen Lebensmitteln umgehen. Pro Kopf und Jahr treten die Deutschen 55 Kilogramm Lebensmittel in die Tonne, die Hälfte davon noch genießbar.[1]) Das sind etwa zwei bis an den Rand gefüllte Einkaufswagen! Scheinbar verwechseln besonders heikle Konsumenten das Haltbarkeitsdatum mit ihrem eigenen Verfallsdatum und fürchten, nach dem Verzehr eines abgelaufenen Joghurts tot umzufallen. Lebensmittelverschwendung auf der einen Seite führt zwangsläufig zur Überproduktion auf der anderen. Dann quellen die Container über.

Da lobe ich mir, dass manche Bäckereien ihr Brot vom Vortag verbilligt anbieten. Oder Lebensmittelgeschäfte abgelaufene Ware an die Tafeln verschenken und ihren Beschäftigten mitgeben. Dass Restaurants über eine eigene App ihre restlichen Essensportionen kostengünstig vermarkten.

Noch wichtiger aber wäre mir die Ehrfurcht dem täglichen Brot gegenüber – die muss man schon Kindern in die Vesper-Dose packen. Denn im Brot vermischen sich die Fruchtbarkeit der Erde und die kostbare Arbeit vieler Menschen schmackhaft mit dem Segen Gottes.

 

[1]    Ernährungsreport des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft 2020

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34888