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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

19FEB2022
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„Was hast du heute so vor?“, hat mich mein Mann vor ein paar Tagen beim Frühstück gefragt. „Schule“ habe ich geantwortet und von meinem Reli-Unterricht in der dritten Klasse erzählt:

Ich übe mit den Kindern gerade gewaltfreie Kommunikation. Sie sollen lernen bei sich und bei ihren Gefühlen bleiben, wenn sie streiten. Und sie sollen Sätze sagen wie: „Ich ärgere mich darüber“ oder „Das tut mir weh“ anstatt: „Du nimmst mir immer alles weg“ oder „Du bist blöd!“

Mein Mann hat darauf die Augen verdreht, gelacht und gesagt, dass das ja wohl ganz schön naiv wäre. Er meinte: „Wenn ein Kind geärgert wird, hören die Mobber doch nicht auf, nur, weil das Kind sagt: ‚Das tut mir weh. Ich möchte das nicht.‘ In solchen Situationen muss man sich verteidigen! Das ist vielleicht nicht schön, aber so ist die Welt nun mal…“

Vielleicht stimmt das, denke ich. Vielleicht ist die Welt so. Aber so sollte sie nicht bleiben. Ich bin nämlich überzeugt: Auf Gewalt, und sei es nur zur Verteidigung, folgt neue Gewalt. Eine Spirale ohne Ende, die nur durchbrochen wird, wenn Menschen sich entscheiden, anders miteinander umzugehen.

In seiner berühmten Bergpredigt fordert Jesus: „Wehrt euch nicht gegen Menschen, die euch etwas Böses antun! Sondern wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch deine andere Backe hin!“ (Mt 5,39)

Ich glaube nicht, dass Jesus damit meint, dass man sich alles gefallen lassen muss. Das Kind, das geärgert wird, soll sich unbedingt wehren. Aber eben ohne dabei selbst zuzuschlagen. Stattdessen könnte es etwas tun, womit in diesem Moment keiner rechnet: Den anderen direkt ansprechen: „Warum tust du das?“, ihm deutlich machen: Du tust mir weh! Und sich Hilfe holen.

Das ist ganz sicher nicht leicht. Es braucht dazu viel Selbstbewusstsein und Übung im gewaltfreien Streiten. Und es braucht die tiefe Überzeugung, dass eine Welt ohne Gewalt, möglich ist, wenn immer mehr Menschen dabei mitmachen.

Diese Überzeugung habe ich. Und die Kinder in meiner Reliklasse auch. Und ich finde: damit sind wir nicht naiv. Wir hoffen nur beharrlich auf eine friedlichere Zukunft.

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