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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

17FEB2022
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Solange ich mich erinnere, wünscht mein Mann sich einen Hund. Für mich ist das nie in Frage gekommen: da hängen eine Menge Verpflichtungen und Arbeit dran. Außerdem waren unsere Wohnungen immer zu klein und die Arbeit hat kaum Zeit gelassen.

Seit wir aber in einem großen Haus mit Garten wohnen und beide oft im Homeoffice arbeiten, sind mir immer weniger Gründe gegen einen Hund eingefallen. Deshalb habe ich schließlich nachgegeben und so ist im letzten Jahr Emmi bei uns eingezogen – ein junger Labradormischling: wild, verspielt und unglaublich niedlich.

Seitdem haben sich alle meine Befürchtungen bestätigt: Es ist eine Menge Arbeit. Überall sind Hundehaare, Schuhe und Sofakissen haben Knabberspuren und wenn ich morgens Gassi gehen muss, ist meine Laune erst mal im Keller.

Aber ich muss gestehen: Wenn ich Emmi dann dabei beobachte, wie sie Spuren erschnüffelt, über die Wiesen rennt und Haken schlägt, ist das alles fast vergessen, so sehr steckt mich ihre Freude an.

Und nicht nur die: Anders, als wir Menschen es tun, zeigt unsere Hündin immer ganz unmittelbar, was sie gerade fühlt und braucht:
Wenn sie Nähe sucht, legt sie ihren Kopf auf mein Bein. Wenn sie Angst hat, versteckt sich. Am Morgen begrüßt sie uns mit wedelndem Schwanz, als wäre es das schönste der Welt uns zu sehen. Und manchmal – wenn ihr alles zu viel wird, dann zieht sie sich zurück, zeigt notfalls sogar die Zähne, damit klar wird: Das will ich jetzt nicht.

Ein bisschen ist sie mir damit zum Vorbild geworden: Ich zeige nicht gerne, wie es mir gerade geht, sondern lächle Schweres einfach weg. Und es fällt mir nicht leicht, zu sagen, was ich gerade brauche. Oft weiß ich das nicht mal selbst, weil ich vor lauter „Ich muss noch“ und „Ich kann doch nicht“ verlernt habe, in mich rein zu hören und darauf zu achten, was mir guttut und was ich eigentlich nicht will.

Seit wir Emmi haben, gelingt mir das etwas besser. Weil sie mir ihre Bedürfnisse zeigt, denke ich öfter darüber nach, was meine Bedürfnisse sind: mal wieder ein Abend ganz für mich alleine, öfter in den Arm genommen werden, nein sagen, wenn sowieso alles gerade stressig ist.

Das dann auch zu zeigen und zu sagen, das muss ich noch ein bisschen üben. Vielleicht halte ich mich dabei einfach weiter an Emmi. Natürlich ohne bellen und Zähne zeigen – aber genauso ehrlich.

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