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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

10FEB2022
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Ich hab ein Problem, sagt Frau Müller auf der Palliativstation. Mein Sohn kommt erst nächste Woche und ich hab kein Geld und wenn ich am Wochenende ins Hospiz verlegt werde, will ich doch wenigstens etwas Bargeld dabei haben.

Sie schaut mich prüfend an. Können Sie für mich zur Bank fahren?

Ja, wenn Sie mir die ec-Karte und die PIN anvertrauen wollen.

Sie schaut mich nochmal an, dann gibt sie mir die ec-Karte. 6655.

Ok,  kann ich mir merken.

Bitte holen Sie gleich 1200 Euro und bringen Sie die Kontoauszüge mit.

Hups, das ist viel Geld. Und in der Stadt ist grade Schulschluss, die Busse verstopfen die Straßen, ich brauche 40 Minuten, bis ich wieder bei Frau Müller bin. Was soll sie denken? Dass sie zu vertrauensselig war? Ja, sie hatte grade angefangen, etwas zu grübeln. Aber dann hatte sie sich beruhigt: die Frau Peters arbeitet bei der Kirche, die ist auch hier im Krankenhaus bekannt, das wird schon gutgehen.

Ein Vertrauensvorschuss, den ich mir nicht selbst erarbeitet habe. Den verdanke ich der  katholischen Kirche. Und natürlich auch dem Eindruck, den ich bei Frau Müller hinterlassen habe: dass ich persönlich vertrauenswürdig bin.

Die katholische Kirche hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten viel Vertrauen verspielt.   Die sexuelle Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen, die in der Kirche verübt wurde, ist abscheulich. Und der Umgang der Oberen damit zum Teil erbärmlich. Schweigen, Ausreden, Lügen. Für manches gibt es einfach keine Worte, jedenfalls keine, die man hier aussprechen kann. Ich bin seit 42 Jahren bei der Kirche angestellt, aber jetzt bin ich fast jeden Tag neu entsetzt oder fassungslos und wirklich wütend über das, was alles ans Tageslicht kommt.  Reihenweise treten die Menschen aus der Kirche aus; vollkommen verständlich, ich nehme das niemandem übel.

Ich bin aber traurig, weil ich viele Male in meiner Arbeit als Seelsorgerin erlebt habe, wie der Glaube an Gott Menschen hilft, sie stark macht und tröstet. Wie Menschen dem Beispiel Jesu folgen und Gutes tun. Gott ist nicht das Problem, ein Teil des Bodenpersonals ist das Problem. Vielleicht hilft die umfassende öffentliche Kritik, dass in der Kirche Spreu und Weizen getrennt werden. Ich warte auf den gründlichen Neustart der Kirche, damit Gott wieder bei den Menschen ankommen kann.

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