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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

19JAN2022
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„Glaube nie fertig zu sein mit dem Lernen, wenn auch die Schulzeit des Kindes entflieht. Dann erst beginnt die Schule des Lebens, die dich mit Strenge zum Menschen erzieht.“ Das hat mir meine Erdkundelehrerin ins Poesiealbum geschrieben. Damals konnte ich mir keine Schule des Lebens vorstellen, die strenger hätte sein können als ihr Unterricht. Lernen wollte ich schon. Aber nur Sachen, die mich interessierten. Die geologische Beschaffenheit der oberrheinischen Tiefebene hat nicht dazugehört.

Nach der Schule habe ich mich mit Feuereifer ins Theologiestudium gestürzt. Ich wollte wissen, wie die biblischen Texte entstanden sind, warum Menschen sich welche Bilder von Gott gemacht haben, wie man ein Seelsorgegespräch führt, Kinder unterrichtet und mit Sterbenden betet. Auch alte Sprachen habe ich gelernt und die ganzen Epochen der Kirchengeschichte.  Schließlich hat es vierzehn Semester und drei Ausbildungsjahre im Vikariat gedauert, bis ich „ausgelernt“ hatte und meinen Beruf als Pfarrerin ausüben konnte.

Auch die Schule des Lebens hat mir einiges beigebracht: Dass es nicht für jeden Konflikt eine Lösung gibt, mit der alle zufrieden sind. Wie es sich anfühlt, wenn eine beste Freundin stirbt. Dass einem Gott unterwegs verloren gehen kann und dass man ihn manchmal wiederfindet. Dass meine Kräfte endlich sind. Und dass auch erwachsene Kinder immer Kinder bleiben.

Vor einiger Zeit habe ich ein Buch geschenkt bekommen. Es heißt „100: Was Du im Leben lernen wirst.“ Es ist ein wunderschönes Buch, und ich blättere gern darin. Vor allem am Anfang eines neuen Jahres. Jedem Lebensjahr von eins bis hundert ist eine Doppelseite mit einem farbigen Bild gewidmet. Dazu wird eine Sache aufgelistet, die ein Mensch in diesem Alter lernt. Zum Beispiel mit eineinhalb: „Du lernst, dass deine Mutter wiederkommt, wenn sie weggeht. Das ist Vertrauen.“ Oder mit 12: „So viele Dinge kannst du schon besser als deine Eltern.“ Mit 29: „Was du noch nicht gelernt hast: Dich nicht schlecht zu fühlen, wenn du an einem Samstagabend allein zuhause bist.“ In meinem Alter steht da: „Es gibt zwei große Kräfte im Leben. Wirst du noch geschoben oder schon gezogen?“  Ja, das ist hier die Frage! Mit 94: „Und jedes Jahr, wenn du die leeren Brombeermarmeladengläser in den Keller bringst, denkst du: Wer weiß, ob du sie noch brauchst?“ Und mit 95: „Und dann machts du doch wieder Marmelade ein.“

Ich klappe das Buch zu und denke: Ja, sie hatte recht, meine Lehrerin. Das Lernen hört niemals auf. Aber, wage ich ihr zu widersprechen: Eigentlich ist das ganz wunderbar!

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