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SWR2 Wort zum Tag

30NOV2021
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Tochter Zion freue dich – das ist eines der bekanntesten Adventslieder. Viele Menschen haben sicher sofort die festliche Musik von Georg Friedrich Händel im Ohr.

Tochter Zion, freue dich – das ist ursprünglich ein Zitat aus dem Buch des biblischen Propheten Sacharja. Der Prophet hat die Vision eines Friedenskönigs, der auf einem Esel in die Stadt Jerusalem geritten kommt. Dem Propheten war es ganz wichtig, dass es ein reinrassiger Esel ist, kein Pferd und auch kein Maultier. Pferde und Maultiere wurden zu Zeiten des Propheten für den Krieg gezüchtet. Heute würde man sagen: Kein einziges Chromosom sollte das Reittier des Friedenskönigs mit dem Krieg gemeinsam haben. Ein Friedenstier trägt den Friedenskönig. Und wie der Esel nichts mit dem Krieg zu tun hatte, so hat der biblische Friedenskönig nichts mit den kriegerischen Königen seiner Zeit gemeinsam. Er ist gerecht, und – welch ein Skandal! Er ist arm und demütig. Deshalb wird es nach seiner Ankunft auch keinerlei Kriegsgerät mehr geben.

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, hat Helmut Schmidt einmal gesagt. Ich bin ganz froh darum, dass der Prophet Sacharja mit seiner Vision zu den Menschen gegangen ist, sie mit vielen geteilt hat, und dass seine Zuhörenden sie weitererzählt haben. Denn an welchen Hoffnungsbildern sollte man sich sonst festhalten in einer Zeit, in der überall auf der Welt wieder Kriegsherren erstarken, die die ihnen anvertrauten Menschen quälen und alles andere als arm und demütig sind. Noch nicht einmal der Blick in die Nähe ist tröstlich. Denn ganz nahe in mir pocht mein häufig so friedloses und zorniges Herz.

Der Friedenskönig hat gar nichts gemeinsam mit der Gewalt. Er reitet auf seinem reinrassigen Friedenstier. Streitwagen und Kriegsbögen werden vernichtet und zerbrochen. Auch das gehört zur Vision des Propheten Sacharja. Kann es sein, dass die Gewalt doch eines Tages kapitulieren muss? Dass nicht die waffenstarrende Macht das letzte Wort hat, sondern die Friedensbotschaft? Dass dieser Friede den verzweifelten Menschen überall auf der Welt gilt und sogar mein friedloses Herz verwandelt und den Unfrieden in mir zerbricht?

Ich gebe zu: Ich weiß nicht, wie das gehen kann. Aber ich ahne: Der Weg zum Herzen der Menschen ist nicht mit Gewalt zu finden. Diesen Weg findet nur die Liebe, und offensichtlich haben sich davon immer wieder Menschen anrühren lassen.

Es ist eine kraftvolle Vision des Propheten Sacharja. Sie hilft mir, mich - manchmal trotz allem - zu freuen. Auch in diesem Advent: Tochter Zion, freue dich!

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