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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

30NOV2021
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Immer das Gleiche morgens. Der Wecker schellt, ich gehe nach nebenan ins Bad, koche Kaffee, dusche und such mir was zum Anziehen – typisch Frau, Kleiderschrank voll aber nix zum anziehen da...aber irgendwann findet sich doch was.

Dann ins Auto und zur Arbeit fahren. Nichts besonderes eigentlich, so ist es heute Morgen vielen gegangen.

Nicht den Menschen aus dem Ahrtal, die ich als Seelsorgerin im Containerdorf in Mendig treffe. Die überlegen gründlich, ob sie wirklich aufstehen sollen aus dem warmen Bett. Im Nachthemd ins Bad geht hier nicht, denn Toilette und Dusche erreicht man nur in den Extra-Containern. Also Tagesklamotten anziehen, dicke Jacke drüber, ein Weg über die Wiese, durch den Matsch, Schuhe dreckig, hilft ja nichts. In den Sanitärcontainern ist geheizt, aber wenn jemand die Tür nicht zugemacht hatte, merkt man das nicht mehr. Und den Matsch trägt man ja trotzdem rein, auch wenn täglich geputzt wird.

Zurück im Wohncontainer. Zwei Betten, dazwischen etwas Platz für ein Leselämpchen.

Ein Tisch mit 2 Stühlen. Zwei Spinde aus Plastik oder Metall. Ein Kühlschrank. Und die Elektroheizung. Eine Grundausstattung. Manche haben es sich etwas gemütlich gemacht, aber bei manchen sieht es auch nach 4 Monaten noch so aus. Und die Langeweile zermürbt die Menschen.

Zuhause könnte man sich im Haushalt zu schaffen machen oder im Garten winterliche Ordnung herstellen. Man könnte einkaufen fahren oder fernsehen oder walken gehen. Hier kann man ins große Zelt gehen, sich aus den Kühlschränken Brot und Aufschnitt holen und im eigenen Container frühstücken. Das Essen und die Container wurden den Menschen kostenlos zur Verfügung gestellt. Mein Nachbar, der aus Pakistan hierher kam, findet die Verhältnisse im Containerdorf durchaus erträglich: in seiner Heimat müsste nach einer Katastrophe wie im Juli im Ahrtal jeder selbst für sich sorgen, da greift keine Versicherung ein und kein Staat und es gibt nicht die Aufbauhilfen und Spendengelder, die die Menschen hier bekommen oder die zumindest bereitgestellt wurden. Ich verstehe, was er meint: gemessen an vielen Gegenden in der Welt wird das Unglück, das Menschen in Deutschland trifft, besser aufgefangen. Aber ich bin wirklich für jeden froh, der eine andere Wohnung findet.

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