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SWR4 Sonntagsgedanken

24OKT2021
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Kennen Sie das auch? So „heilige Momente“ in Ihrem Leben? Erlebnisse, bei denen Sie den Eindruck hatten, hier hat Sie etwas Göttliches berührt. Völlig unerwartet. Überraschend anders und neu.
Wissenschaftler sagen, dass etwa 80 % der Menschen schon mal übernatürliche Erfahrungen hatten. Bei manchen war es ein Traum. Bei anderen eine Art Erscheinung. Oder mitten im Gespräch der Satz einer Freundin, der im inneren Ohr weiterklingt. Manche hatten einen „heiligen Moment“ bei inspirierender Musik. Andere, wenn sie ein Buch lasen. Wieder andere wurden von ihm in der Stille oder in der Natur überrascht.

Bülent Ceylan, der Mannheimer Comedian hatte auch so einen „heiligen Moment“. Und hat ihn auch öffentlich gemacht. Sein Vater ist Moslem, seine Mutter katholisch. Was kommt da raus? Evangelisch - schreibt er:
Wir haben Weihnachten gefeiert, mein Vater hat auch mal Schweinefleisch gegessen. Motto: Mach das Licht aus, dann sieht Allah es nicht. Ich war immer auf der Suche. Was ist richtig? Was ist der Sinn des Lebens? Ich habe einen guten Freund, evangelischer Pfarrer, tätowiert cooler Typ, dem habe ich Tausende Fragen gestellt. Er meinte, in Momenten, in denen er völlig beladen ist mit Sorgen, übergibt er an Jesus. 2019 hatte ich so einen Moment. Ich wusste nicht weiter, bin auf die Knie gefallen und habe gedacht: Jesus, zeig mir, was der richtige Weg ist. Und dann habe ich - ja, ich weiß, wie irre das klingt - eine Art Erscheinung gehabt. Danach habe ich mich taufen lassen. Ich gehe nicht jede Woche in die Kirche, aber Jesus ist schon der Wahnsinn. Dass sich jemand so für die Nächstenliebe aufopfert und auf jeden zugeht, egal, wer er ist, finde ich inspirierend.

„Heilige Momente“ sind etwas Besonderes. Sie kommen nicht so oft vor im Leben. Aber die meisten können sich an ihre „heiligen Momente“ ganz gut erinnern. Sie wissen meist noch genau, wo und wann das war und was das Entscheidende gewesen ist. Auf ihre „Heiligen Momente“ lassen sie nichts kommen. Da soll nicht drüber gespottet werden und die sollen nicht in Zweifel gezogen werden. Sie sind wie ein innerer Schatz, der nicht so gerne hergezeigt wird, damit er von niemandem beschmutzt wird. Darum reden so wenige darüber.

Manche Menschen reden auch öffentlich darüber wie der Mannheimer Comedian Bülent Ceylan. Oder die 42-jährige Journalistin Carolin George. Dieses Jahr veröffentlichte sie ihr Buch Und dann kam Gott - Warum ich Glaube nie brauchte - und mich mit 42 konfirmieren ließ.

Carolin George arbeitet für Zeitungen wie „Die Hannoversche Allgemeine oder „Die Welt“. Unter anderem schrieb sie ein Buch über Kirchen und Kapellen in ihrer Region. Auch wenn ihr einiges darin fremd blieb, berührte sie dennoch die Atmosphäre mancher Sakralräume . In einer persönlichen Krise nahm sie Kontakt mit einer Theologin auf. Sie brauchte Seelsorge. Sie begann Gottesdienste zu besuchen. Dadurch bekam sie eine neue Freiheit. Sie sagte, der Glaube stärke sie, lasse sie lieben und vergeben - auch sich selbst, wenn eigene Erwartungen zu hoch werden. Einen Tag nach ihrem 42. Geburtstag bekräftigte sie ihr neues Lebensgefühl, und ließ sich bei ihrer Konfirmation den Segen zusprechen

In einem "Brief an Gott" schrieb sie damals: "Ich freue mich wahnsinnig, dass wir uns endlich kennengelernt haben. Lass uns so weiter machen."

Ich hatte solche „heiligen Momente“ schon öfters in meinem Leben. Das erste Mal war es mit dreizehn, als ich in riesigen pubertären Selbstzweifeln steckte. Da hatte ich eines Abends den Eindruck, Jesus steht bei mir im Zimmer. Es war mir, als legte er mir seine Liebe wie einen warmen Mantel um die Schultern und sagte zu mir „Du bist mir recht“. Ich fühlte mich angenommen wie noch nie. Es trieb mir die Tränen in die Augen. Bei mir sind diese „heiligen Momente“ oft mit Tränen verbunden. So bei einem Abendmahl bei einer Fortbildung inmitten von 40 Kolleginnen  und Kollegen. Als ich in einer Sinnkrise meines Berufs steckte. Oder ein anderes Mal beim Autofahren. Die Tage vorher hatte ich den Eindruck, ich kriege keinen Kontakt zu Gott. Es war wie vernagelt. Plötzlich hatte ich das Gefühl, Jesus sitzt neben mir auf dem Beifahrersitz. Mir kamen die Tränen, ich bekam Schnappatmung und musste erstmal auf den nächsten Parkplatz fahren. Die Gegenwart des lebendigen Jesus zu erfahren, beeindruckt bis in das Körperliche hinein.

Drei wesentliche Veränderungen passieren, wenn ich zulasse, dass Jesus mich berührt:
Ich weiß, dass es Gott wirklich gibt.
Ich weiß, dass Jesus lebendig ist und mit mir kommunizieren will.
Ich rede nicht mehr über Gott, sondern mit ihm.

Solche „heiligen Momente“ kann ich nicht herbeiführen. Aber ich kann dafür offen sein. Darum: Wenn Gott das nächste Mal bei Ihnen anklopft, dann sagen Sie doch einfach: „Hier bin ich. Ich höre“. Und dann seien Sie still und nehmen einen Moment nur wahr, was kommt. Vielleicht wird es ja Ihr „heiliger Moment“.

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