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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

10AUG2021
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Wie viele Menschen heute wohl sterben? Und wie viele Menschen den Angehörigen wohl Trost spenden? Der Tod, wenn man ihm nicht nur im Fernsehen begegnet, sondern im wirklichen Leben, dann ist er eine große, manchmal umwerfende Erfahrung. Und da braucht es Menschen, die einen dabei halten, einem Halt geben. Das hab ich beim Tod meines Vaters erlebt. Es ist fast 30 Jahre her, aber in meiner Erinnerung noch immer so als wäre es gestern gewesen.
Mein Vater war gerade gestorben und ich wurde in die Klinik gerufen. Der Platz an dem sein Bett stand war leer. Das habe ich noch wahrgenommen. Ich wurde in den Aufbahrungsraum geschickt. Er war im Keller. Ein schöner Raum. Würdevoll, stilvoll, zeitlos. Den Tod – das Aussehen und die Ausstrahlung toter Menschen - kannte ich damals schon. Was mich aber tief berührt hat war dieses Gesicht meines toten Vaters: Eine Mischung aus Säugling und Greis. Irgendwie alt und jung zugleich, ganz er und doch ganz anders. Und wie ich bei meinem toten Vater stand, spürte ich auf einmal eine Hand an meinem Rücken. Sanft, zärtlich, beruhigend. Als ich mich umdrehte sah ich seitlich hinter mir eine bildschöne Frau. Blond, in weißer Kleidung, wie Klinikschwestern sie tragen. Sie stand nur still hinter mir und strich mir über den Rücken. Ich weiß nicht wie lange, aber es war wunderschön. Tröstlich. Friedlich. Zeitlos.

Und auf einmal war sie weg. Ich hab sie nie wieder gesehen. Aber dieses Bild, dieses Gefühl hat einen festen Platz in meiner Seele. Sie war mein Engel in Menschengestalt. Und ich bin ihr sehr dankbar für diesen stillen, starken Trost. Ich hoffe diese Frau hat noch viele Trauernde getröstet mit ihrer sanften, lieben Hand. Ich schicke ihr meinen Dank mit einem Satz. Ein Satz der uns verbindet und der zu dem Geschenk, das sie mir gemacht hat, passt: „Wir Menschen sind Engel mit nur einem Flügel. Wenn wir uns berühren, können wir fliegen…“

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