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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

06AUG2021
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Übermorgen ist Israelsonntag. In vielen evangelischen Gottesdiensten nehmen Christen ihr Verhältnis zum jüdischen Glauben in den Blick. Die Gottesdienste erinnern auch daran, wie das jüdische Volk vor fast 2000 Jahren seine Heimat verloren hat und Jerusalem völlig zerstört wurde. Seither haben Juden noch viele Male ihre Heimat verloren. Im christlich geprägten Abendland hatten sie es schwer - und haben es bis heute.

Seit 1700 Jahren gibt es nachweislich jüdisches Leben bei uns. Schon so lange sind Juden Teil der Kultur und Gesellschaft. Aber warum konnten Juden hier keine Heimat und kein sicheres Leben finden? Warum wurden sie verfolgt, vertrieben, sogar getötet?

Man hat den jüdischen Menschen immer wieder vorgeworfen, sie seien selbst schuld daran, hätten sich vom Rest der Bevölkerung abgegrenzt, ihr eigenes Ding gemacht und würden sich für etwas Besseres halten. Mich erschreckt, dass mir diese Meinung immer noch begegnet. Das ist zynisch.

Jüdinnen und Juden haben sich nicht ausgegrenzt - sie wurden ausgegrenzt. Sie durften viele Berufe nicht lernen, ihre Kinder nicht genau so ausbilden, wie andere. Sie durften lange kein eigenes Land besitzen. - Das alles hätten sie gerne gewollt. Von wegen, sie hätten sich selber ausgegrenzt.

Und selbst wenn! Selbst wenn jemand anders lebt als der Durchschnittsmensch. Das ist doch keine Rechtfertigung, um irgendjemanden zu piesacken oder sogar ans Leben zu gehen. Eine Gemeinschaft wie die der Juden muss doch ein Recht haben auf ihre eigenen Traditionen und ihre eigenen Sichtweisen. Damit haben sie sich nicht ausgegrenzt. Das war nur der willkommene Vorwand, um sie auszugrenzen.

Aber warum ist das so? Diese Frage bleibt für mich offen. Und es hört ja nicht auf. Mich erschreckt, dass ich immer noch höre, Juden seien an allem Schuld. Sie würden sich abgrenzen und für etwas besseres halten. Warum ist das so? Wieso hat das nicht endlich ein Ende und jüdische Bürgerinnen und Bürger haben endlich ein sicheres zu Hause – als Deutsche die sie sind?

Eine offene Frage. Das Jubiläum 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland ist ein guter Anlass, der Frage auf der Spur zu bleiben. Hoffentlich gibt es eine Antwort. Und hoffentlich hilft die, damit Jüdinnen und Juden ein zu Hause finden. Und zwar genau da, wo und wie sie es wollen.

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