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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

02AUG2021
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„Jung und jüdisch in Baden-Württemberg“. Vor kurzem habe ich einen Film gesehen mit diesem Titel: „Zwei junge Frauen und ein junger Mann erzählen darin. Sie sind jüdische Deutsche, und sie können eines nicht mehr hören: Nazi-Deutschland, Konzentrationslager und Judenhass. Genauer gesagt, sie wollen damit nicht immer in Verbindung gebracht werden. Hanna ist Studentin in Tübingen, regt sich in den Film richtig auf und sagt: „Wir haben es satt, reduziert zu werden auf Antisemitismus, Holocaust und Nahostkonflikt. Wir sind nicht diese Schwarz-Weiß-Bilder.“ meint sie. „Wir sind vielfältig.“

Anlass für den vierzigminütigen Film ist ein Jubiläum: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Gerade finden dazu viele Veranstaltungen statt - auch in Kirchengemeinden. 1700 Jahre - So lange schon leben Juden in Deutschland. Ist alles, was uns dazu einfällt, Antisemitismus, Holocaust und der Nahost-Konflikt? Dass das den jungen Leuten nicht gefällt, leuchtet ein. Ihr Leben ist so viel vielfältiger. Hanna, Eva und Sami erzählen vom Jewish Vision Song-Contest - das ist DAS Musik-Event in Europa, bei dem junge Jüdinnen und Juden auftreten. Die drei haben genau die gleichen Sorgen wie andere junge Leute auch. Sie erzählen aber auch wie es ist, der einzige Jude in der Klasse zu sein oder die einzige Jüdin im Uni-Kurs. Ich höre das und wünschte mir, dass das alles ganz selbstverständlich wäre. Stattdessen meint Eva, es sei fast wie ein Coming-outing sobald herauskommt, dass sie Jüdin ist. Eben war sie noch eine ganz normale junge Studentin - und im nächsten Moment ist sie für die anderen fremd. Jüdin? Sei sie dann überhaupt eine richtige Deutsche? Ob sie Angst hätte vor Neo-Nazis? Und sind ihre Großeltern im KZ umgekommen? Wird sie dann gefragt.

Jung und jüdisch in Baden-Württemberg. Der Film ist im Internet leicht zu finden. Ich fand ihn sehr informativ und unterhaltsam. Und ich habe verstanden, wo das Problem liegt: Junge jüdische Leute müssen ihrer Umgebung ihr Leben erklären - ob sie wollen oder nicht. Und wenn sie es wagen, ist es gefährlich. Gerade jetzt werden jüdische Menschen immer häufiger angegriffen - nur weil sie da sind. Es ist unbegreiflich. Eva, Sami und Hanna zeigen, dass sie einfach junge Leute sind, die dazu gehören. Ihr Optimismus hat mir gut getan. Sie zeigen sich als Jüdinnen und Juden. Ganz normal. Sie sorgen dafür, dass man sie kennen lernen kann. Es gibt keine Ausreden mehr für Vorurteile und Hass.

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