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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

15JUL2021
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Darf Joe Biden zur Kommunion? Das ist eine Frage, die in den USA Staub aufgewirbelt hat. Ich kann sagen: Bei mir dürfte er. Weil ich die Menschen, die mit geöffneter Hand an den Altar treten, keiner Prüfung unterziehe. Außerdem bin ich gar nicht der Gastgeber beim Abendmahl; Christus ist es. Aber die amerikanischen Bischöfe scheinen das zum großen Teil anders zu sehen. Weil der amerikanische Präsident sich für eine weitgehende Legalisierung der Abtreibung ausgesprochen hat, sagen sie: Er ist nicht würdig, das Sakrament der Eucharistie zu empfangen. Nun könnte das Biden egal sein, wenn er nicht überzeugter Katholik wäre und sonntags die Heilige Messe mitfeiern würde. Und es könnte uns egal sein, weil wir ja nicht in Amerika sind. Allerdings handelt es sich nicht um eine theologische Spitzfindigkeit. Für mich verbindet sich damit eine Frage, die ins Mark dessen trifft, wie das Christentum sich versteht. Nicht nur in den USA, sondern überall und überhaupt: Darf jemand von der Kommunion ausgeschlossen werden? Und damit ist nicht nur der kleine Augenblick gemeint, wenn einem die Hostie auf die Hand gelegt wird. Nein, es geht um die Kommunion, die Gemeinschaft all derer, die das Heil suchen und Heilung brauchen. Wer gehört dazu, wer nicht? Wem steht es zu, das zu beurteilen?

Da lohnt der Blick zurück an den Anfang. Jesus hat gerne mit anderen gegessen. Und er hat sich ausdrücklich mit denen an einen Tisch gesetzt, die schräg angesehen wurden. Dirnen, Zöllner, Zweifler, Verräter. Ein Mahl war für ihn die Gelegenheit, um zu hören, was den Leuten auf der Seele liegt. So hat er von Fehlern und Vergehen aller Art erfahren. Und er hatte im Gespräch beim Essen die Möglichkeit, seine Sicht der Dinge darzulegen. Beim letzten Abendmahl im Kreis der Jünger war das nicht anders. Auch da hatten die Teilnehmer keine weiße Weste. Die hat sowieso niemand.

Für Katholiken ist die Kommunion etwas Heiliges. Unmittelbar bevor sie ausgeteilt wird, sprechen alle gemeinsam das folgende Gebet: „Herr, ich bin nicht würdig, dass Du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“ Dem Thema Abtreibung muss sich der US-Präsident stellen. Nach bestem Wissen und Gewissen - auch mit den Bischöfen seiner Kirche. Das hat aber nichts damit zu tun, ob er würdig ist, zur Kommunion zu gehen. Wirklich würdig ist keiner. Deshalb steht sie allen offen, die sie brauchen.

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