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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

13JUL2021
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Papst Franziskus hat ein paar Eigenheiten. Sie sind eher ungewöhnlich für einen Papst. Er greift zum Telefon und ruft überraschend bei jemandem an. Und er schreibt Briefe - handschriftlich. Zuletzt an James Martin in den USA. Martin ist Jesuiten-Pater und engagiert sich als Seelsorger für Lesben und Schwule, für Bi- und Transsexuelle. Franziskus dankt ihm und macht ihm Mut so weiterzumachen. Er schreibt wörtlich: „Der 'Stil' Gottes hat drei Züge: Nähe, Mitgefühl und Zärtlichkeit. Auf diese Weise geht er auf jeden von uns zu. Wenn ich über Deine pastorale Arbeit nachdenke, sehe ich, dass Du ständig versuchst, diesen Stil Gottes nachzuahmen. Du bist ein Priester für alle Männer und Frauen, denn Gott ist der Vater aller Männer und Frauen. Ich bete für Dich, dass Du so weitermachen kannst, mit viel Nähe, Mitgefühl und Zärtlichkeit.“[1]

Das ist eine wunderbare Geste. Sie zeigt, worauf es ankommt. Und wie der Papst sein Amt versteht. Es geht ihm nicht darum, Menschen einzuteilen und sie moralisch streng zu beurteilen. Anders als den Mitarbeitern seiner Behörde, im Vatikan, die vor kurzem bekräftigt haben, wen man segnen darf und wen nicht. Franziskus baut kein Lehrgebäude auf, in dem nur ein bestimmter Teil der Menschen unterkommt. Er kehrt immer wieder zur Wurzel des christlichen Glaubens zurück. Zu Jesus und der Art und Weise, wie er von Gott gesprochen hat und wie er denen gegenüber eingestellt war, die zu ihm kamen. Franziskus lässt wie Jesus die nahe an sich heran, die von anderen an die Seite gedrängt worden sind. Er fühlt mit denen, die in Not sind, weil sie krank sind oder ein Kind verloren haben. Und er ist zärtlich, wo andere harsch oder sogar gewalttätig reagieren. So will Franziskus die Kirche verändern, so den Geist Jesu lebendig halten in unserer Welt. Viele wünschen sich klare Entscheidungen, ein Machtwort hie und da, strukturelle Reformen. Das verstehe ich, weil ich oft auch so denke. Aber das passt wohl nicht zu ihm, so versteht er sein Amt als Papst nicht. Also bin ich gut beraten, das hochzuschätzen, was er an vielen Stellen im Kleinen tut. Und es ihm gleichzutun, wo ich etwas ändern kann. Im Stil Gottes, also mit Nähe, Mitgefühl und Zärtlichkeit.

 

[1]https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2021-06/papst-wuerdigt-usa-homosexuellen-seelsorger-james-martin.html

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33486