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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

12JUL2021
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Es gibt schwierige Fragen. Wenn mir zu viele auf einmal in den Sinn kommen, quält mich das geradezu. Und keine Antwort ist in Sicht. Fragen wie: Warum tun Menschen Böses? Können wir wirklich zwischen Gut und Böse unterscheiden? Und warum tun wir es dann manchmal nicht? Wie ist das mit dem freien Willen, von dem wir annehmen, dass er uns Menschen zur Krone der Schöpfung macht?

Im Landkreis Tübingen ist ein Rehkitz gefunden worden. Sein Maul war mit Klebeband umwickelt. Gerade noch am Leben haben Förster es befreit und gehofft, seine Mutter findet es. Anderntags lag es tot an derselben Stelle. Wer tut so etwas? Wieviel Hass und Aggression muss in jemandem sein, dass er so etwas macht? Einem kleinen, wehrlosen Geschöpf so etwas Böses, Gemeines anzutun. Daran zu denken, das Bild vor Augen zu haben, macht mich noch immer traurig. Und ich kann nichts dagegen tun. Ich kann das Schlimme nicht ungeschehen machen. Dann ist es um so wichtiger, dass ich am Guten festhalte.

Es gibt viel Böses auf der Welt. In jedem Augenblick wird Menschen und Tier Leid zugefügt. Wo sich jemand fürs Falsche entscheidet, werden Wälder abgeholzt, Tiere gequält, Kinder misshandelt, in einem Krieg Menschen erschossen. Es gibt aber auch in jedem Augenblick viel Gutes. Das Gute hat es schwerer, auf sich aufmerksam zu machen, weil wir es normalerweise für selbstverständlich nehmen. Dann ist es wichtig, dass ich mir klarmache: Ich kann etwas tun. Für das Gute. Wenn dieses Gefühl in mir aufsteigt, diese Mischung aus Traurigkeit und Wut, dann kann ich daraus etwas Gutes machen. Wenn ich die Kraft, die dabei entsteht, in die richtige Bahn lenke.

Dann mache ich den Mund sofort auf, wenn ich mitkriege, dass jemand ungerecht behandelt wird - eine Kollegin, die neu ist, oder ein Schüler, der auf dem Pausenhof von den andern gemieden wird. Dann mache ich einem Paar Mut, füreinander zu kämpfen, nicht zu schnell aufzugeben, wenn es Probleme gibt, und sich zu versöhnen um der Liebe willen, die sie einmal zusammengebracht hat. Dann erzähle ich von einer Frau, die sich monatelang um einen Kranken gekümmert hat, der sonst ganz allein gewesen wäre. Das Gute ist oft leise und verborgen. Aber deswegen nicht schwächer als das Böse.

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