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SWR4 Sonntagsgedanken

27JUN2021
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Ein junges Paar musste schon zweimal wegen der Corona-Pandemie seine Hochzeit verschieben. Jetzt ist es soweit, und ich soll als Pfarrer mit ihnen die kirchliche Trauung feiern. Sie schicken mir zu Ihrem Fest eine (selbst gestaltete) Einladungskarte, auf der folgender Spruch zu lesen ist. Er stammt von Khalil Gibran: “Und stellt euch zusammen, jedoch nicht zu nah beieinander, denn auch die Säulen des Tempels stehen einzeln da, und Eiche und Zypresse wachsen nicht im gegenseitigen Schatten.“

Im Gespräch erfahre ich von dem jungen Paar, dass sie dieses Zitat aus gutem Grund ausgewählt haben. Sie haben sich mit der Zeit immer besser kennengelernt. Und dabei auch erfahren, wie wichtig in ihrer Beziehung der richtige Abstand ist. Es ist ihnen deutlich geworden, dass sie vieles gemeinsam haben und dennoch zwei ganz eigenständige Persönlichkeiten sind. Sie sind geprägt von ihrem jeweiligen Charakter und der eigenen Geschichte. Sie sind und bleiben zwei Menschen mit verschiedenen Erfahrungen und Interessen. Sie denken nicht immer gleich und erwarten auch nicht dasselbe von dem, was kommen wird.  Deshalb brauchen sie eine große Bereitschaft, immer wieder miteinander zu sprechen und nach einem gemeinsamen Weg zu suchen.

Mich erinnert das an eine kleine Geschichte des Philosophen Arthur Schopenhauer: Er erzählt, wie Stachelschweine sich an einem kalten Wintertag nah zusammen gedrängt haben, um sich gegenseitig zu wärmen und vor dem Erfrieren zu schützen. Wenn sie jedoch einander zu nahe kamen, haben sie ihre Stacheln gespürt, sodass sie sich wegen der Schmerzen wieder entfernen mussten. Das Hin und Her hat so lange gedauert, bis sie eine mittlere Entfernung zueinander gefunden haben, die es ermöglichte, sich zu wärmen, ohne sich gegenseitig zu verletzen.

Schopenhauer überträgt diese Geschichte auf das Miteinander der Menschen. Sei es in der Beziehung eines Paares, oder in einer Gruppe oder sei es in der Beziehung des Einzelnen zur Gesellschaft. Es geht immer darum, eine mittlere Entfernung zu finden. Nur sie macht es möglich, sich zu wärmen, ohne sich gegenseitig zu verletzen. Es geht um den richtigen Abstand, um menschliche Nähe, die einem gut tut. Und um den nötigen Abstand, der für jeden genügend Raum lässt.

Ich denke dabei auch an die seit über einem Jahr gültigen und eingeführten Abstandsregeln. Es fällt mir schwer, niemand mehr die Hand zu reichen oder zu umarmen oder jemand nur noch mit großem Abstand zu begegnen. Ich möchte Kontakt und Berührung, ich möchte meine Angehörigen und Freunde sehen und erleben und brauche, wie die meisten anderen auch, menschliche Nähe und Wärme. Und gleichzeitig will ich niemanden gefährden und weiß, dass diese Abstandsregeln ihren guten Sinn haben. Ein Glück, wenn sich allmählich die angespannte Lage ändert und wieder mehr Kontakte und Begegnungen möglich werden.

Für mich haben diese Abstandsregeln aber auch etwas Positives. Sie helfen nämlich nicht nur, die Pandemie einzudämmen, sondern sie ermöglichen gleichzeitig eine neue Achtsamkeit. Viele von uns sind dazu übergangen, sich mit den Ellbogen zu begrüßen oder sich voreinander zu verbeugen. Das gefällt mir besonders. Darin zeigen sich Achtung und Respekt und im wahrsten Sinn des Wortes eine Art der Zuneigung. Ich erlebe das in den Gottesdiensten wenn die Menschen sich zum Friedensgruß nicht die Hand reichen, sondern sich ganz freundlich voreinander verbeugen. Das ist eine Höflichkeitsform, die wir vor allem aus dem asiatischen Kulturkreis kennen. Die dabei gekreuzten Hände auf der Brust verstärken diese Begrüßungsform und zeigen, dass man sein Gegenüber achtet und respektiert und ihm in keiner Hinsicht zu nahe kommen will.

Die geltenden Abstandsregeln mögen manchmal lästig sein. Sie fördern aber einen vorsichtigeren, behutsameren Umgang. Sie zeigen, dass wir aufeinander achten und uns gegenseitig schützen sollen. Ich fände es gut, wenn wir das aus den vergangenen Monaten der Corona-Pandemie mitnehmen könnten. Schopenhauer nannte die richtige Entfernung zwischen den Menschen Höflichkeit, heute sagt man dazu vielleicht Respekt. Das täte uns allen richtig gut. Es müssen nicht alle das Gleiche denken oder empfinden. Es müssen nicht alle das Gleiche glauben oder für richtig halten. Menschen dürfen unterschiedlich aussehen und jeder hat das Recht auf seine ganz individuelle Art zu leben. Keiner darf für irgendwelche Zwecke missbraucht werden, in der Kirche schon gar nicht.

Es stimmt. Gott hat uns Menschen sehr bunt und vielfältig geschaffen. Damit wir mit dieser Vielfalt und den damit verbunden Spannungen gut leben können, hat er uns den Verstand gegeben und ein waches Gewissen. Wenn wir beides gebrauchen, finden wir zu jedem Menschen die richtige Entfernung. Dann spüren wir, wie viel Nähe notwendig ist, um einander zu verstehen. Und wir wissen, wie viel Abstand und Distanz es braucht, um einander in unserer Verschiedenheit zu achten und zu respektieren.

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