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SWR4 Sonntagsgedanken

18APR2021
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Vor einigen Jahren gestaltete ein Künstler für meine damalige Gemeinde die große Osterkerze. Er hat das Gesicht Jesu gemalt und dabei besonders die großen, weit geöffneten Augen betont. Diese offenen Augen spiegeln einen Grundzug im Leben Jesu, der in verschiedenen biblischen Texten immer wieder betont wird. Es wird oft erzählt, wie Jesus die Menschen sieht, sie in Blick nimmt und ihnen mit großer Aufmerksamkeit begegnet. Sehen ist bei ihm mehr als ein optischer Vorgang. Jesus sieht mit seinem Herzen und damit viel mehr und viel Wesentlicheres. Dinge, die den körperlichen Augen verborgen bleiben.

So wird erzählt, wie er einmal in einer Synagoge den Menschen die Augen geöffnet hat. Siebekamen auf einmal eine ganz neue, freie Sicht. Da war eine Frau, die seit vielen Jahren verkrümmt und gebeugt keine Lebensperspektive mehr hatte. Nach dem damals gültigen Gesetz wurde gesagt, sie sei von Gott bestraft worden. Jesus sieht sie, sieht ihre Not, ihre Verzweiflung und setzt sich über alle Gesetze hinweg. Er spricht mit ihr, berührt sie und gibt ihr buchstäblich ein neues An-Sehen. Er sagt dass diese Frau auch in die Gemeinschaft des Segens gehört. Es ist der Segen, den Gott seit Abraham allen zugesprochen hat.

Die Frau richtet sich auf, wie neugeboren, voller Dankbarkeit und neuem Lebensmut. Dagegen gerät der Vorsteher der Synagoge in Rage. Für ihn ist es ungeheuerlich, was da am heiligen Sabbat geschieht. Er weiß genau, was sich gehört und reagiert in bester Absicht. Das Gesetz verbietet es, dass Kranke an Sabbat geheilt werden.

 Doch Jesus setzt sich darüber hinweg. Er sieht nicht nur die religiöse Ordnung. Für ihn zählt der einzelne Mensch mehr als die Buchstaben und Paragraphen. Ob er damit auch dem Leiter der Synagoge die Augen weiten und dessen Herz berühren konnte, geht aus der erzählten Episode nicht hervor. Sie zeigt aber einen Konflikt, der das öffentliche Leben Jesu bestimmt hat. Immer wieder stößt er auf erbitterten Widerstand der führenden Kräfte, die die geltende Ordnung zu verteidigen hatten. Dennoch lässt Jesus sich nicht von seinem Weg abbringen. Seine Augen und sein Herz bleiben für die leidenden Menschen offen. Wer Jesus begegnet, kann spüren, dass er von ihm angeschaut und berührt wird. Menschen erfahren bei ihm, dass Blicke nicht nur töten können. Sie können einem bis in die Seele hinein gut tun.

Die gekrümmte Frau und der Synagogenvorsteher sind ganz unterschiedliche Menschen und haben doch etwas gemeinsam: Sie können nicht mehr gut sehen. Die Frau sieht nur noch niedergedrückt den Boden vor sich und der andere hat keinen Blick mehr für das Nächstliegende. Er sieht und kennt die Buchstaben des Gesetzes; mehr aber nicht.

Beide schaut Jesus an und dieser Blick wirkt Wunder. Seine Augen spiegeln sein Inneres und sind voller Zuwendung und Nähe. Er verurteilt nicht, er stellt nicht bloß, er beharrt nicht auf dem Buchstaben, er berührt und segnet und öffnet so allen Beteiligten einen neuen Weg, einen neuen Anfang, eine zweite Chance. Jesus macht mit seinen Worten und seinem Verhalten deutlich, dass nicht das Gesetz im Vordergrund steht, sondern der einzelne Mensch. Jeder soll spüren und erfahren, dass er von Gott gesegnet ist.

Das provoziert und ist eine deutliche Anfrage an die kirchliche Praxis heute. Kurz vor Ostern hat eine Entscheidung aus der Kirchenleitung in Rom gewaltiges Aufsehen erregt. Die Kirche verweigert gleichgeschlechtlichen Paaren den Segen und will nicht wahrhaben, dass viele Menschen in einer solchen Lebensweise gut miteinander leben und sich unter den Segen Gottes stellen wollen. Gegen diese römische Entscheidung regt sich von vielen Seiten Widerspruch und Ablehnung. Ich bin überzeugt, dass Jesus auch hier nicht zuerst nach dem Gesetz und der kirchlichen Lehre fragen würde, sondern danach, was die Menschen leben und für ihren gemeinsamen Weg erhoffen. Ähnlich wie dem Synagogenvorsteher in der erwähnten Geschichte bleibt der Kirche die Konfrontation mit der Sichtweise Jesu nicht erspart, auch wenn das unbequem und provozierend ist. Wenn sie auf Jesus schaut und an ihm Maß nimmt, dann werden ihr die Augen aufgehen und ihre Äußerungen und Entscheidungen weitsichtiger und lebensnaher werden. Klaus Hemmerle, der verstorbene Bischof von Aachen, hat einmal den Wunsch nach so einer neuen, offenen und weiten, dem Evangelium entsprechenden Sichtweise wie folgt formuliert:

 

Ich wünsche uns Osteraugen, die im Tod bis zum Leben,
in der Schuld bis zur Vergebung, in der Trennung bis zur Einheit,
in den Wunden bis zur Herrlichkeit, im Menschen bis zu Gott,
in Gott bis zum Menschen, im Ich bis zum Du zu sehen vermögen.

Und dazu alle österliche Kraft.     

 

Was für ein wunderbarer Weitblick! Und was für ein Glück, wenn es viele Menschen gibt, die mit solchen Osteraugen sehen können!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33004