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SWR4 Abendgedanken

03FEB2021
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Bahnhofsuhren bleiben regelmäßig stehen. Vielleicht ist Ihnen das schon mal aufgefallen. Vielleicht haben Sie es auch noch gar nicht wirklich bemerkt. Der Sekundenzeiger bleibt immer stehen, wenn er wieder auf der zwölf angekommen ist. Kurz darauf hüpft der Minutenzeiger eine Minute weiter und der Sekundenzeiger beginnt seine nächste Runde.

Der Grund dafür ist, dass alle Bahnhofsuhren synchron laufen sollen. Dafür benötigen sie einen Impuls von einer Hauptuhr. Als das in den 1940er-Jahren eingeführt wurde, hat die Übertragung eines solchen Impulses eineinhalb Sekunden gedauert. Seither läuft der Sekundenzeiger in 58,5 Sekunden einmal um die Uhr, verharrt dann auf der Zwölf-Uhr-Position, bis der Zeitimpuls kommt und die nächste Minute anbricht.

Heute ist das technisch nicht mehr erforderlich. Und doch hat man es so belassen.

Interessant finde ich, was der Erfinder Hans Hilfiker selbst über die kleine Rast des Sekundenzeigers gesagt hat: Unmittelbar vor der Abfahrt bringt sie „Ruhe in die letzte Minute und erleichtert eine pünktliche Zugabfertigung“.

 

Wenn ich in Stuttgart am Hauptbahnhof ankomme, dann spüre ich allerdings kaum etwas von dieser Ruhe. Um mich herum laufen und rennen Menschen, um ihren Zug noch zu bekommen oder ihren Termin zu erreichen. Manchmal muss ich schnell ausweichen, um nicht umgerannt zu werden.

Wie schön wäre es, wenn unser Leben in ruhigeren Bahnen verlaufen würde. Wenn wir uns Zeit nehmen, statt immer nur zu hetzen und zu rennen. Diese Ruhe würde uns gut tun.

Wenn ich dann auf die Bahnhofsuhr schaue, spüre ich sie, die geschenkte Sekunde. Es kommt mir vor, als würde die Uhr noch einmal durchatmen, bevor sie sich wieder auf den Weg macht. Und so stelle ich mir vor, dass ich immer noch ein kleines bisschen Zeit habe, meinen Kaffee in Ruhe auszutrinken. Dass ich über den Bahnsteig zum richtigen Waggon gehen kann, ohne rennen zu müssen. Vielleicht bleibt sogar noch Zeit für ein freundliches „Guten Abend“ oder ein kleines Schwätzchen.

Denn die Bahnhofsuhr will mich eben nicht hetzen, sondern mir einen kleinen Puffer einräumen, der mich mit Ruhe und Gelassenheit unterwegs sein lässt.

Pfarrer Joachim Sohn, Furtwangen, alt-katholische Kirche.

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