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SWR4 Sonntagsgedanken

24JAN2021
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Die ersten Tage und Wochen des neuen Jahres zeigen deutlich, dass wir noch nicht aufatmen können. Die täglichen Zahlen über Infektionen und Todesfälle sind schrecklich und besorgniserregend. Die geforderten Einschränkungen sind hart und verletzend. Gerade jetzt wäre es so dringend nötig, einander nahe zu sein, sich zu begegnen, sich gegenseitig zu stützen. Es tut besonders weh, wenn man einen Kranken nicht mehr besuchen kann oder noch schlimmer, wenn man einen Sterbenden allein lassen muss. Hinter den täglich veröffentlichten Zahlen der Pandemieentwicklung verbergen sich so viel Leid und Angst. Das macht es mir schwer, unbeschwert und sorglos in dieses neu angebrochene Jahr zu blicken. Und unbegreiflich ist mir, dass manche die Existenz des bedrohlichen Virus leugnen, sich über alle Schutzmaßnahmen hinwegsetzen und das Ganze als Verschwörung  dunkler Machenschaften abtun. Mit vielen anderen Menschen spüre ich die Sorgen und die Herausforderungen, vor die wir alle gestellt werden.

In dieser Situation ist mir ein Bild wichtig geworden, das ich mir von meinem letzten Adventskalender aufbewahrt habe und das mich in diesem Jahr begleiten soll. Es stammt aus einem polnischen Salzbergwerk, 300 Meter unter der Erde. Es zeigt einen riesigen weiten Raum. Die Bergleute haben so etwas wie eine unterirdische Kathedrale aus dem Stein gehauen. Was muss das für eine Plackerei gewesen sein und sicher nicht ungefährlich. Was hat die Bergleute motiviert, nach ihrer Schicht noch so viel Energie in die Erbauung dieser unterirdischen Kirche zu investieren?

Der Kontrast zu den dunklen und engen Stollen tut gut. Ein Raum in dem es glänzt und hell ist, eine Weite, in der man aufrecht gehen kann, ein Fenster zum Himmel in einem harten und schweißtreibenden Alltag. Sie haben unübersehbar zum Ausdruck gebracht, das Leben ist mehr als nur harte Arbeit. Es braucht auch Schönheit und Andacht. Es braucht nicht nur das Schwarzbrot für den Körper, es braucht ebenso den Trost und die Hoffnung für die Seele. Für die Arbeiter untertage ist es zur Gewissheit geworden. Gott ist nicht nur in der Höhe, sie singen ebenso: „Ehre sei Gott in der Tiefe.“

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Polnische Bergarbeiter haben neben ihrer normalen Arbeit über Jahrzehnte hinweg einen Raum für das Gebet in ihrem Bergwerkstollen gehauen. Ich bewundere ihren geerdeten Glauben sehr. Ich meine, sie bringen damit das Wichtigste zum Ausdruck, was Christen an Weihnachten feiern und das Jahr über wie eine Leitmelodie mitschwingt Es ist ein einmaliges Versprechen, das dem Menschen gegeben wird, ein Name, der die ganze biblische Botschaft beinhaltet: Immanuel, Gott ist mit uns[1]. Er bleibt eben nicht abstrakt, irgendwo weit weg, in Himmelshöhn. Nein, er stellt sich an die Seite des Menschen und teilt mit ihm das Leben in all seinen Facetten.

Das zeigt sich zum Beispiel, als Jesus, zum Jordan geht und sich dort von Johannes taufen lässt. Bevor er zum ersten Mal öffentlich auftritt, macht er das, was viele damals getan haben. Er reiht sich solidarisch ein. Es ist bemerkenswert, dass die Taufstelle geographisch am tiefsten Punkt unserer Erde vermutet wird, im Jordantal weit unter dem Meeresspiegel. Jesus geht also sprichwörtlich in die Tiefe, ganz nach unten. Er taucht damit ein in die Not, in die Schuld, in die Angst, in das Leid, in alles, was Menschen erleben und erfahren. Diese Tendenz nach unten hält er sein Leben lang durch, bis er schließlich ganz unten ankommt: am Kreuz.

Ich stelle mir vor: Dass es bei Jesus so ist, das hat auch die polnischen Arbeiter bewogen, ganz unten einen Ort des Verweilens und des Aufatmens zu schaffen. Hier spüren sie, dass nicht nur ihre Arbeit wichtig ist. Hier dürfen sie zur Ruhe kommen, an ihre Familien denken, ihre Sorgen aussprechen und um Schutz und Sicherheit bitten. Denn sie haben leider schon oft erfahren, wie gefährlich ihre Arbeit im Bergwerk sein kann. Und in ihrer selbstgebauten Kirche wird ihnen immer wieder deutlich, dass sie stolz sein dürfen und eine Würde haben, die ihnen niemand nehmen kann.

Es ist gut, wenn es solche Zufluchten gibt. Ich glaube jeder braucht solche Orte wo er sagen kann: hier bin ich gut aufgehoben, hier darf ich der Mensch sein, der ich wirklich bin. Das können besondere Orte sein, Kirchen und Kapellen, Orte des Glaubens aus vergangenen Zeiten. Das können Zeugnisse der Musik oder der Literatur sein oder eben Menschen, denen man sich anvertrauen kann. Ich wünsche Ihnen allen für dieses Jahr, dass sie solche Zufluchtsorte haben und sagen können: Ich bin nicht allein.

 

[1]Jesaja 7,14

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32490